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Mit ungewöhnlichem Gepäck auf großer Fahrt.

Theater

Euphorisch auf die Reise gehen

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Das Ensemble 9. November schickt im Gallus Theater die „Neuen Helden Europas“ um die Welt.

Die neuen Helden Europas“ – so lautet der Titel der Produktion des Ensemble 9. November, die sein Spiritus Rector, Wilfried Fiebig verantwortet. Die neuen Helden, das sind die alten, die am Beginn ihres neuen Zeitalters vor 400 Jahren noch einmal die alten Spiele spielten. So wie es Don Quixote tat, der sich fühlt und wähnt in einer Welt, in der seine Wünsche Wirklichkeit sind und werden. Eine Text-Musik-Collage im Verein mit den Figurinen und Skulpturen, die das ästhetische Markenzeichen des ehemaligen Dozenten der Hochschule für Gestaltung Offenbach geworden sind. Deren Gestalt am Leib der Akteure ist wie ein dingliches Alter ego ihrer mentalen, hierarchischen und sozialen Verfassung.

Das kommt in der knapp zweistündigen, von einer Pause unterbrochenen Aufführung im Frankfurter Gallus Theater aber erst im zweiten Teil zum Tragen, wo die sprechtheatralische Aufsagerei, die wie eine Litanei von allerlei Textblöcken aus der Reiseliteratur der damaligen Zeit wirkt, sich anders darstellt. Der Abend als ganzer: ein Frage- und Antwortspiel der reiselustigen, welterobernden Explorationsbegierden – unterbrochen von musikalischer Resonanz durch zwei Vokalistinnen. Rebekka Stolz sowie Pauline Jordan, die für ihre erkrankte Schwester Martha Ersatz war. Zwei schöne, gut harmonierende Stimmen, dazu die tragende Violinstimme Katrin Bechts und der Pianist und Komponist Theodor Köhler, der sich an musikalische Modelle der Renaissance angelehnt hat. Die musikalische Aktion trägt sehr viel und ist zu Recht von ihrer traditionellen Postierung am Rande der Bühne in deren Mitte gerückt.

Die aufgeräumten und belustigten, im Angesicht ihrer Möglichkeiten der Globus-Umfassung Euphorisierten sind zwei Schauspieler und zwei Schauspielerinnen, deren dramatische Auf- und Abwärtsbewegungen ein wenig nach dem Motto „Pack schlägt sich / Pack verträgt sich“ verlaufen. Nach der eher hölzernen und ruppigen Präsenz im ersten Teil bei manch schlechter Sprachverständlichkeit, kommen Venerija Dik, Richard Köhler, Karin Schyns und Stefan Wendel im zweiten Teil zu einer viel dichteren Präsenz. Ein Käferpanzerungsumriss aus diversen Plexiglasbruchstücken, der auch einen Anthropoiden darstellen konnte, beherrscht jetzt optisch die Szene und die Akteure im Rüstzeug ihrer restmüllwertigen Verpacktheit hatten choreografische Attraktivität. Das nahe am Absurden gleitende Spiel von Gewinn und Niederlage, von herrischer Geste und leerlaufender Interaktion, das sich mit dem einen und anderen Satz aus Überlegungen zur Geldwerttheorie Karl Marxens liiert, bekommt dabei Züge theatraler Sinnhaftigkeit, die die Aufmerksamkeit zu fesseln vermag.

Gallus Theater,Frankfurt: 13., 20., 21.,, 25., 26., 28. April. www.gallustheater.de

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