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Euphorie im Löwenkäfig

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Jarg Patakis Hamburger "Dreigroschenoper" ist keine Neuerfindung: Seine Welt ist nicht in Perfektion erstarrt, sondern zugleich präzise und mitreißend lebendig - und es gibt wunderbare Gags. Von Anke Dürr

Von Anke Dürr

Nein, es ist nicht die Neuerfindung der Dreigroschenoper geworden, was da im Hamburger Schauspielhaus zu sehen war, auch nicht das angekündigte Anspielen gegen den "zu erwartenden Kassenerfolg" - und das ist gut so. Regisseur Jarg Pataki und sein Team setzen auf die Stärken des Brecht-Klassikers. Das Ergebnis: eine intelligent gemachte, optisch und musikalisch einwandfreie Revue. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Pataki und seine Bühnenbildnerin Anna Börnsen verlegen die Bettleroper in eine kunstvoll künstliche Zirkus- und Varieté-welt: Klettertürme wie die, auf denen Trapezkünstler im Zirkus hochsteigen, dazwischen ist ein Fahrstuhlkäfig aufgehängt, auf dem Macheath (Tim Grobe) lässig und selbstzufrieden wie ein satter Löwe liegt. Auch die Kostüme stammen aus der Welt der Artisten. Heide Kastler hat die Schauspieler in eng anliegende hautfarbene Gymnastikanzüge gesteckt oder ihnen Unterhemden verpasst, wie sie früher die Jahrmarktkraftprotze getragen haben. Nur ihre Accessoires kennzeichnen die Rollen dieser nackten Menschen in der Gesellschaft. Ein Hut, ein Stock, ein Tüllröckchen machen aus ihnen lauter Möchtegerns: eine würdevolle Firmenchefin Mrs. Peachum, einen Gentleman-Gangster Macheath, eine glückliche Braut Polly. Um die Hüften tragen alle einen Klettergurt, die Sprossentürme werden ausgiebig bespielt.

Anleihen bei Bob Wilson sind deutlich, nicht nur die maskenhaft weiß geschminkten Gesichter, sondern auch das elegant leuchtende Lichtfarbspiel auf dem Bühnenhintergrund. Aber Patakis Welt ist nicht in Perfektion erstarrt, sondern zugleich präzise und mitreißend lebendig. Es gibt wunderbare Gags: Etwa wenn der Polizeichef bei seiner Ansprache die Hände in Merkelgeste zur Rautenform aneinanderlegt.

Zu bewundern ist aber vor allem ein glänzend spielendes Ensemble. Unterstützt wird es von acht schwarz gekleideten Musikern, die optisch unauffällig, akustisch aber um so wirkungsvoller sind. Alle werfen sich volle Kraft voraus in die Songs, ohne Angst davor, dass diese Gassenhauer durch ihren Dauererfolg an Kraft verloren haben. Ihre Verve ist ansteckend, vor allem die Energie und Präzision von Katja Danowski als Polly. So fährt am Ende, nach Macheaths Begnadigung, die ganze Gangsterbande mit dem Fahrstuhl in den Bühnenhimmel auf, und das Publikum klatscht so euphorisch, als wolle es sie noch höher hinauftragen.

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