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„Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“ in Kassel: Es sterben ja nicht nur alle anderen aus

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Von: Joachim F. Tornau

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Das neue Stück von Martin Heckmanns im Staatstheater Kassel: Die Bremer Stadtmusikanten und -musikantinnen. Foto: Katrin Ribbe
Das neue Stück von Martin Heckmanns im Staatstheater Kassel: Die Bremer Stadtmusikanten und -musikantinnen. Foto: Katrin Ribbe © Katrin Ribbe

Kindertheater für Erwachsene: Das Staatstheater Kassel zeigt die Uraufführung von Martin Heckmanns’ „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“.

Wenn die Tiere anfangen zu diskutieren, wird es eng für den Menschen. Ihre Argumente, man muss es spätestens im Angesicht eines brennenden Planeten einräumen, sind einfach die besseren. Über Ausbeutungsverhältnisse und die Grenzen des Wachstums spricht der Esel (Jakob Benkhofer). „Auf welcher Seite stehst du in den kommenden Kämpfen?“, fragt der Hund (Clemens Dönicke). Und ihren Herren, die schon bald darauf nicht mehr ihre Herren sein werden, fällt dazu nur der Klassiker der rechtfertigenden Hilflosigkeit ein: „Wir haben es auch nicht leicht.“

Im Klima- und Klassenkampf

Wer sich im Kosmos der Grimm’schen Märchen auch nur ein wenig auskennt, weiß: Wo Esel und Hund aufbegehren gegen ihre Unterdrückung, sind auch Katze und Huhn nicht weit, gemeinsam lehren sie als Bremer Stadtmusikanten die bösen Menschen das Fürchten. Mit einer sehr freien Adaption dieses Umsturzklassikers ist das Kasseler Staatstheater jetzt in seine zweite Spielzeit unter Intendant Florian Lutz und Schauspieldirektorin Patricia Nickel-Dönicke gestartet.

„Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“ hat der Dramatiker Martin Heckmanns sein Werk genannt, nach der mutig-verzweifelten Maxime des tierischen Revoluzzerquartetts. Unter der Regie von Friederike Heller kam das „Singspiel“, so der Untertitel, auf der Bühne im Schauspielhaus zur Uraufführung.

Singspiel? In der Tat. Nicht nur dem Klima- und dem Klassenkampf haben sich die Tiere verschrieben, sie lieben auch das Reimen und das Singen. Und das tun sie, bis auf die Katze (Katharina Brehl), die zumindest einmal in erfrischenden Wutpunk ausbrechen darf, in bemerkenswert unrebellischer Harmonie. Musicalhafte Ohrwürmer hat ihnen Masha Qrella komponiert, die die Tiere auf offener Bühne mit ihrer Band begleitet.

Als Allegorie auf die Klimakatastrophe lässt sich Martin Heckmanns’ modernes Märchen lesen, als Lehrstück über Solidarität und Unterdrückung, über Gewalt und Gegengewalt und die alte Frage nach der Reihenfolge von Fressen und Moral. Schauspielerinnen und Schauspieler treten aus ihren Rollen heraus und reflektieren, es mangelt nicht an Botschaften zum Mitnehmen. Was das kommunistische Huhn (Danai Chatzipetrou), das hier sogar fliegen kann wie einst Superman, irgendwann als „Moral von der Geschicht“ verkündet, ist da bloß eine besonders böse: „Wer früher schießt, den schießt man nicht.“

Das ist mit ziemlich grobem Pinsel gemalt und zugleich voll feinem Humor. Eigentlich. Doch bei der gut zweistündigen Uraufführung gerät es eher grotesk. Die Tierkostüme (Ausstattung: Sabine Kohlstedt), die Überdrehtheit, die kieksenden Stimmen, das überdeutliche Spiel und nicht zuletzt die Gesangseinlagen immer wieder: All das erinnert in erstaunlicher Weise an Kindertheater. Nur eben mit einem erwachsenen Text. Und mit einem bitter-versöhnlichen Ende, das, nimmt man es ernst, für schlaflose Nächte sorgen müsste: Nachdem die Menschen erst die Tiere und dann sich selbst erschossen haben, nehmen sich alle in den Arm. Das Aussterben hat schließlich niemand exklusiv. Oder wie es im größten Gassenhauer dieser Klimastadtmusikanten heißt: Wir sind alle Tote auf Urlaub.

Kassel, Schauspielhaus. 30. September, 1., 8., 15. Oktober. www.staatstheater-kassel.de

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