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„Ernst ist das Leben (Bunbury)“ in Darmstadt: Da purzeln sie schon wieder

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Von: Sylvia Staude

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Kein Ernst, nirgends? Cecily und Gwendolen sind not amused.
Kein Ernst, nirgends? Cecily und Gwendolen sind not amused. © Nils Heck

Andreas Merz Raykov verjuxt in Darmstadt Oscar Wildes „Bunbury“.

Nachdem Regisseur Johannes Lepper in Wiesbaden Oscar Wildes „Importance of Being Earnest“ kürzlich in einem Ohrfeigst-du-mich-ohrfeige-ich-dich- Slapstick-Furor verheizte, ergeht es der 1895 uraufgeführten Komödie am Staatstheater Darmstadt nun nicht viel besser. Regie führt hier Andreas Merz Raykov. Die Textfassung ist die Elfriede Jelineks, entstanden 2005, die Wilde zusätzliche Pointen gab, ihn vergröberte und sexualisierte. Dazu kommen aktuelle – Anspielungen möchte man es nicht nennen, denn steif ragt der Zeigefinger. Cecily hält eine kleine Rede in Sachen: Wir richten die Welt zugrunde, aber es schert uns nicht. Später zeigt sie sich informiert über koloniale Raubkunst und das Humboldt-Forum, doch es schert sie nicht. Muss ja dann doch weitergehen im Text.

Der kleine Raum der Darmstädter Kammerspiele wird von Bühnenbildner Benjamin Schönecker beherzt vollgestellt: Hinten ein Moos-Stein-Garten-Podest mit Baum, links ein Wohnzimmer-Podest mit Kronleuchter und Kamin im Schrank, rechts Klavier sowie Treppe nach oben, weitere Stühle. Apropos Stühle, jeder stolpert mal über einen – oder über gar nichts. Oder stolpert permanent die Treppe hinunter, wie Natalja Maas als Page wie Möchtegern-Schauspielerin. Mit blutigem Jochanaan-Kopf probt sie einen Monolog aus „Salome“ (Hinweis Algernon: „auch von Oscar Wilde“), immerhin erhält sie bei der Premiere Extra-Applaus dafür.

Béla Milan Uhrlau als hemmungslos Gurkensandwiches mampfender, mit dem Publikum schäkernder Algernon, dann mit Mathias Znidarec als Freund John ein drolliges Orchideen-Spielchen treibend: Der Start vor dem Vorhang, auf dem groß „Bunbury“ steht, ist vielversprechend. Es folgt eine kleine Wir-husten-in-die-Ellenbeuge-Persiflage. Es folgen diverse Verwicklungen in den Vorhang, Page Sybil natürlich, mitsamt ihrem Tablett, das sie tapfer weiter hochhält; aber auch John mit Gwendolen. Was sie da wohl treiben?

Die Inszenierung kennt von da an in (mit Pause) zweidreiviertel Stunden nur eine Richtung: Mehr von allem. Mehr „Im Ernst?“-Wortwechsel. Mehr runterkrachende und Akteure einhüllende Vorhänge. Mehr Gepurzel und Gerangel. Fliegende Stühle. Zerbrechende Vasen. Imaginiertes Juckpulver (im Ernst). Wilder gemischte, gebauschte Kostüme (Veronika Bleffert). Ein reizender Hund namens Uschan soll als Ziege auftreten, tritt auch ungefragt auf und will vor allem seine Hörnchen loswerden. Aus der Kulisse wird nach ihm gepfiffen. Selbst Cecily ist einen Moment ratlos und versucht, ihn ins Körbchen zu schicken. Tiere auf der Bühne, ein eigenes Kapitel.

Anabel Möbius ist Cecily und empfängt Gwendolen, Marielle Layher, im Zelt und mit Opium-pfeife. Jörg Zirnstein ist Miss Prism, gibt auch die Diseuse und singt uns zwischendurch was Hübsches. Ali Berber ist Pastor Chasuble und singt uns am Ende was, wenn er – Überraschung! – seinen Glitzerdress enthüllt hat.

Gabriele Drechsel gibt Lady Bracknell und muss ihren Text auch mal schmettern, mit großer Operndiven-Geste. Und auf das Stichwort „in Schale geworfen“ treten John und Algernon, Ernst und Ernst, als Hummer beziehungsweise Auster auf. Man spart an nichts. Aber während die Zuschauerin dieses dampfende Soufflé noch fasziniert beobachtet, fällt es schon zusammen.

Immerhin ist hier der Text gut verständlich, anders als in Wiesbaden. Aber all das bunte Papier drumrum, all die Schleifen lassen nicht zuletzt das für eine solche Komödie lebenswichtige Timing verrutschen – die Schleifen bzw. Schärpen auch mal wortwörtlich, wenn Möbius und Layher sich ein weiteres Mal umziehen müssen und nicht schnell genug fertigwerden.

Premierenprobleme, die sich erledigen werden, allemal bei diesem feinen Ensemble. Es bleibt trotzdem eine Inszenierung, die so lange zum Gag-Brunnen geht, bis dieser bricht. Oder so ähnlich.

Staatstheater Darmstadt , Kammerspiele: 4., 10., 27. Februar, 3., 4., 13., 19. März. www.staatstheater-darmstadt.de

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