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Erinnerungen an Hans Neuenfels: Fremdheit und Nähe

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Von: Peter Iden

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Regisseur Hans Neuenfels 
2019 bei den Salzburger Festspielen.
Regisseur Hans Neuenfels 2019 bei den Salzburger Festspielen. © Manfred Siebinger/ Imago

Zum Tod des Regisseurs Hans Neuenfels.

Es ist das Leben und das Tun des Regisseurs Hans Neuenfels an den deutschen Theater-und Opernbühnen eine Existenz oft wie im Rausch gewesen. Sein Temperament, mitunter ihn bis an die Grenze zur Selbstschädigung treibend und durchaus auch darüber hinaus, zumindest ungebärdig zu nennen, will keineswegs eine Schwäche dieses Theater-Künstlers benennen: Das Überschießende an kühnsten Einfällen zur szenische Interpretation dramatischer Dichtungen hat häufig mit Hilfe der Irritation das Publikums zu Einsichten geführt, die weiter reichten als ein auf den ersten Blick verstörender Eindruck.

Niemand, der sie damals in Frankfurt gesehen hat, wird von den Neuenfels-Aufführungen von Ibsens „Nora“ und von „Hedda Gabler“ die Aufregung vergessen, die beide Stücke in der Stadt hervorriefen, Momente, wie etwa den der Ausstattung eines Weihnachtsbaums mit einem Damen-Schlüpfer. Mancher, der da sogleich einen Skandal witterte, hat später womöglich verstanden, dass es darum ging, verlogenen bürgerlichen Sentimentalitäten ein kritisches Zeichen entgegenzusetzen, zumal dem männlichen Teil der Gesellschaft: In Wahrheit wollt ihr doch Heilige Nächte ganz anderer Art.

Die energisch entwickelte und entsprechend vorgetragene Provokation war über viele Jahre hin ein Merkmal der Inszenierungen von Neuenfels, erwartet und gefürchtet zugleich. Zeitlich reichte die Spanne von 1968, als er in Frankfurt mit „Marat“ von Peter Weiss debütierte, bis zu seinen rezenten Arbeiten an den Opernhäusern in Stuttgart und Nürnberg. Länger als ein halbes Jahrhundert also hat Neuenfels, am Sonntag in Berlin verstorben, dem Theater zugearbeitet, auch seiner Radikalität wegen gegen viele Widerstände mancher Intendanten wie auch im Publikum.

Von den Anfängen lieber handeln als vom Ende – tatsächlich ist das Werk dieses Regisseurs mit einem der historisch erstaunlichsten Anfänge verbunden, die das westdeutsche Theater nach 1945 erlebt hat. Das geschah zwischen 1972 und 1980, es war die Ära der Intendanz von Peter Palitzsch am Schauspielhaus in Frankfurt. Dem aus Stuttgart als Intendant engagierten Palitzsch gelang nicht nur die Verpflichtung eines außerordentlichen Ensembles von Schauspielern, sondern auch von Regisseuren der damals ersten Reihe.

Mit dem jungen Neuenfels, der 1969 in Heidelberg das chorisch angelegte Fußball-Fan-Stück „Zicke-Zacke“ des Engländers Peter Terson herausgebracht und damit Aufsehen erregt hatte, holte Palitzsch einen Partner nach Frankfurt, dessen Erwartung auf eine Veränderung des tradierten Stadttheaters zielte. Das bedeutete eine Wandlung des Praktiken sowohl der Organisation des gesamten Betriebs als auch des Umgangs mit den Vorgaben der Stoffe, um die es in den Stücken ging.

Später führte das zu Entwicklungen, wie wir sie heute vielfach als Defizite der aktuellen Theater beobachten können: Aufführungen, die an den Dichtern vorbei nicht mehr als Willkür und Ignoranz der Regisseure bezeugen. Für Neuenfels war der Antrieb, manchmal mehr, manchmal weniger ersichtlich, ein anderer: Es ging ihm um die Erweiterung der Einsichten in Gefühle, Vorgänge und Verhältnisse, die von Gestern her das Heute und das Gestern von Heute her erschließen sollten. Dabei sind Aufführungen gelegentlich auf verzerrende Übertreibungen verfallen, bei denen Zuschauer sich vorkommen konnten, wie in ein Tollhaus geraten.

Die Inszenierung der „Medea“ des Euripides war 1976 dafür ein Beispiel. Sie bewies allerdings auch die Bereitschaft von Neuenfels und den Schauspielern und Schauspielerinnen, sich in mehreren öffentlichen Diskussionsrunden dem kritischen Publikum zu stellen. Neben der Berliner Schaubühne und dem Theater am Neumarkt in Zürich war das Frankfurter Theater die einzige deutschsprachige Bühne, an der ein Statut die Mitbestimmung vorschrieb. Einmal wurde so auch Neuenfels auf kurz Co-Intendant des Hauses.

Die Mitbestimmung war ein guter Gedanke, sie wollte auch dem Ensemble die Möglichkeit geben, mitzuentscheiden zum Beispiel über den Spielplan und partiell sogar über die Höhe der Gagen. Die Idee konnte überzeugen – die Praxis der Verwirklichung erwies sich als überfordernd schwierig. So steckt man inzwischen längst wieder in den alten Schuhen. Neuenfels wurde später selbst zum Intendanten der Berliner Freien Volksbühne berufen – eine Anerkennung gewiss, aber glücklich wurde er damit nicht.

Ein großer Abend war 1980 sein Abschied von Frankfurt gewesen, mit Goethes „Iphigenie“. Die Partnerin lebenslang und Mittelpunkt vieler Inszenierungen, die bewegend wunderbare Elisabeth Trissenaar in der Titelrolle, Edgar M. Böhlke als Thoas in Galaform, unvergleichlich variantenreich beide. Plötzlich stand da Weite gegen Enge, Freiheit gegen den ewigen Zwang. Die Motive, die Neuenfels, der Dramaturg Horst Laube und die Schauspieler bei Goethe entdeckt und mit ihrer eigenen Gegenwart verbunden haben, werden genau herausgearbeitet. Die Verse behalten in ihrer Wiedergabe Maß und Zauber.

Geendet wurde damals also doch auf der Höhe. Behalten wir darum Hans Neuenfels als einen in Erinnerung, der viel gegeben hat. Oft ein Fremder. Aber mit großen Momenten der Nähe auch, wieder und wieder. Nicht klagen, dass sie vorbei. Staunen, dass sie gewesen.

Peter Iden war jahrzehntelang der Theaterkritiker der FR, deren Feuilleton er von 1993 bis 2000 auch leitete.

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