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Uniformierte Wesen legen bei Ersan Mondtag Beweismittel vor.

Münchner Kammerspiele

Vom Erbgut und vom Liedgut

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Ersan Mondtag und Christoph Marthaler lüften mit ihren Recherchen in den Münchner Kammerspielen kräftig durch.

Ersan Mondtag nennt seine Auseinandersetzung mit dem NSU eine „Assoziation“, Christoph Marthaler installiert in seiner vielschichtigen Bodensee-Analyse ein „Auffangbecken“. Beide Kennzeichnungen klingen zurückgenommen, fast harmlos. Das sind ihre Stücke aber keineswegs: Die neuen Inszenierungen, die im Abstand von nur zwei Tagen in den Münchner Kammerspielen Premiere hatten, sprühen vor Intensität.

Das kollektive Erbgut der Bundesrepublik untersucht Ersan Mondtag. „Das Erbe“, so der Titel seines formal strengen Gesamtkunstwerks, sondiert die vererbbaren Informationen unserer Gesellschaft, die dazu geführt haben, dass der NSU die Tektonik unseres Zusammenlebens erschüttert hat. Olga Bach hat dafür einen Text geschrieben, der gelesen unzusammenhängend und spröde wirkt. Schlag auf Schlag folgen einander kurze Passagen und Geschichten, inspiriert von Sophokles, Kafka, Volker Bouffier, Dr. Oetker, Schiller, Anton Graf Arco von Valley und den Gebrüdern Grimm – um nur einige zu nennen.

Doch in der anderthalbstündigen Inszenierung verschmelzen Text, Bühne, Video und Schauspiel zu einer faszinierenden bildnerischen Decodierung unseres historisch-kulturellen Gepäcks. Eine Gruppe von sechs uniformierten, anonymen und großohrigen Rothäuten in grauen Kleidchen mit weißen Kniestrümpfen legen chorisch-mechanisch ihre Beweismittel im Zschäpe-Prozess vor, die kein „Wie es gewesen ist“, sondern einen spezifisch ikonografischen Blick ermöglichen.

Zunächst temporeduziert, gewinnt das Spiel in dem mit schwarzem Teppich ausgeschlagenen und mit schwarzer Farbe gestrichenen Bühnenraum der Kammer 2 in der zweiten Hälfte an Fahrt. Eingeschrieben in das Bühnenbild (Rainer Casper) sind nicht nur eindringliche Video-Sequenzen der mitwirkenden Schauspieler (Florian Seufert), sondern auch mit weißem Konturstift gezogene Strichzeichnungen von Personen, Tieren und Dingen in Bildrahmen.

Die düstere Stimmung entwickelt unaufhaltsam einen absurd-komischen Sog, als sich ein Raum öffnet, in dem „Beate Zschäpe“ (fast unbekleidet im Schwangerschafts-Bodysuit) liegt. Das schweigende Mädchen will mitmachen,  auch zur Gruppe der Rothäute gehören, will kein abgesonderter Fremdkörper mehr sein, sondern eine von vielen. Sie reiht sich in deren Spiel ein: Wie sie giggelt und zu Sponge-Bob-Reprisen vor dem Fernseher gluckst, wie sie tanzt, unhörbar flüstert, naiv-lasziv schaut und Pornografie spielt, das wird das Bild dieser Frau nachhaltig prägen. Am Ende gebiert sie kein Kind, sondern ein Gehirn, das einen Nukleus andeutet: Wir sind unsere kulturelle DNA.

Vom Erbgut zum Liedgut: In eine „geheime Klausurdruckkammer 55 b des Sicherheitsrates der Vereinigten Bodenseeverwaltung“ verlagert Christoph Marthaler das Geschehen seines Stücks: In „Tiefer Schweb“ macht sich – ähnlich wie bei Mondtag – eine Gruppe von zunächst Uniformierten (allerdings in Grau) an eine Vermessung der Welt, hier des Bodensees.

Duri Bischoff hat dafür einen Holzvertäfelungswahnsinn geschaffen: Die Druckkammer eine aufgeräumte Zirbelstube mit grünem Kachelofen, in der sich in den zwei Stunden des poetisch-verrückten Spiels der Marthaler-Kosmos entfaltet. Ebenso spielerisch wie Mondtag, aber noch viel verspielter debattiert und singt sich das Ensemble aus Marthaler-Vertrauten (Olivia Grigolli, Ueli Jäggi, Raphael Clamer, Jürg Kienberger) und Kammerspielern (Walter Hess, Annette Paulmann, Stefan Merki, Hassan Akkouch) durch einen Sitzungsmarathon mit Kirchenmusik, Volksliedern und Popstücken.

Wenn bei Mondtag der Einbürgerungstest in Berlin dekonstruiert wird, ist bei Marthaler die „idealbayerische Einbayerung“ im Fokus. Kühl und bedrückend wird in „Das Erbe“ die Herstellung eines Döner-Spießes beschrieben, in „Tiefer Schweb“ genüsslich befohlen: „Nenne bitte die Inhaltsstoffe einer Weißwurst nach dem Weißwurstgesetz von 1857!“ Nach der erfolgreichen Bewältigung dieser Aufgabe (unterfüttert durch einen perfekten Schuhplattler) wird dort wohldosiert geheideggert, schikanedert und Derrida eingestreut. Und klargestellt: „Jedem Mitglied der menschlichen Mobilitätsgemeinde muss das Recht eingeräumt werden, von Zeit zu Zeit aufzutauchen und nach Luft zu schnappen.“ Punkt.

Dazu all die immer noch verwegenen Pausen, Wiederholungen, nervtötenden und ironischen Längen, die Extrempersiflage von Bürokratie, wo nach „Detonationen“, die die Protagonisten zu Zeitlupenfischen mutieren lassen, umstandslos wieder zu aberwitzigen Listenlesungen zurückgekehrt wird, zu eingesungenen Weisheiten und Blödeleien, die das Publikum beim eigenen kulturellen Schopf packen.

Beide Inszenierungen erzählen keine lückenlosen Geschichten, sie sprengen ihre Stoffe in kleine Einheiten und hantieren kunstvoll damit. Mondtags Ansatz ist dialektischer, Marthalers dialektsicherer. Mondtag durchleuchtet beklemmend genau und ästhetisch überzeugend rechtsradikale Terrormorde, die staatlichen Vertuschungsversuche und die Absicht der kollektiven Reinwaschung der deutschen Gesellschaft durch den NSU-Prozess. Marthaler jongliert lässig aus der regionalen Binnenperspektive mit den Imponderabilien einer im Umsturz begriffenen Welt. So oder so: Kampfeslustig respektive anarchisch stellen sich beide der Auseinandersetzung auf dem Schlachtfeld der Identitäten.

Münchner Kammerspiele:

„Das Erbe“: 27. Juni, 2., 4. Juli. 

„Tiefer Schweb“: 27. Juni, 2., 7., 9., 13., 26., und 27. Juli. 

www.muenchner-kammerspiele.de

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