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Tanz im August

Entspannt atmend

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Anne Teresa de Keersmaeker dominiert den Abschluss beim Berliner "Tanz im August". Entspannt, spielerisch, atmend. Beim Nachwuchs war besonders "Rückwärts" von Renate Graziadei reizvoll. Von Sylvia Staude

Anne Teresa de Keersmaeker war Anfang 20, als sie begann, die Zukunft des Tanzes mitzugestalten. Über die Jahre hat die 1960 geborene Belgierin manches ausprobiert, hatte eine minimalistische Phase, eine Theater-Phase, eine Phase, in der sie sich besonders intensiv mit Musik auseinandersetzte (von Mozart bis Miles Davis, Bach bis Steve Reich). Auch Opernregie probierte sie aus und beschäftigte sich, wie einst Pina Bausch, mit Bartóks "Blaubart".

Nun ist Keersmaeker - vorerst - wieder angekommen bei der Sparsamkeit: raffinierte, aber minimale Ausstattung, ganz wenig Musik, dafür Tanz, Tanz, Tanz. Entspannt, spielerisch, atmend. Keersmaekers knapp zweistündige Choreografie "The Song" dominierte das Abschlusswochenende des Berliner "Tanz im August". Das Festival hatte mit politischen Stücken von Seydou Boro/Salia Sanou ("Blutstaub") sowie den Superamas begonnen, nun schlug es den Bogen zu so genanntem Tanz-Tanz - der so unpolitisch ja nicht ist.

Denn gegen das Verschwinden des Körpers in virtuellen Zweitwelten setzt eine Choreografie wie "The Song" seine selbstverständliche Anwesenheit (die Tänzer tragen alle Alltagsklamotten), aber auch seine Kraft und Herrlichkeit. Man könnte es Trotz nennen, wäre es nicht das, was ein Choreograf halt tut. Im Juni hatte "The Song" Uraufführung, da tanzte eine Frau im Männerrudel.

Sie ist verletzt, so dass das Stück nun bei seiner Deutschlandpremiere wie ein Jungs-Spiel wirkt, dessen Regeln man noch durchschauen muss. Mal ziehen sie vereinzelt ihre Bewegungslinien, mal stürmen alle neun auf einmal den Tanzboden, mal sind zwei oder drei wie zufällig synchron. Und die einzige Frau auf der Bühne, Céline Bernard, begleitet den Tanz phasenweise, als sorge sie für die Geräusche zu einem Stummfilm: Sie zieht sich einen Steppschuh an und macht leise Schritte laut, schüttet ein wenig Wasser auf den Boden, um Gelenke quietschen zu lassen, raschelt und schnurpst.

"The Song"? Ein bisschen singen die Tänzer tatsächlich und/oder spielen Gitarre. "While my Guitar Gently Weeps" zum Beispiel. Leise ist dieses Keersmaeker-Stück, leichtfüßig, unspektakulär - das Spektakulärste ist noch die riesige Silberfolie, die über den Akteuren hängt und Lichtmuster wie zart geklöppelte Spitze auf den Boden wirft (Bühne: Ann Veronica Janssens, Michel Francois). Sowie das krachend einsetzende "Helter Skelter" von den Beatles gegen Ende, das nicht wenige Zuschauer für eine Flucht aus dem Saal nutzen. Vielleicht noch gar nicht ein mal wegen der plötzlichen Lautstärke, sondern weil "The Song" so viel aufmerksame Gelassenheit braucht.

Am nächsten Tag arbeitete sich der Spanier Israel Galván förmlich an der Tanztradition seines Landes ab. "Solo" nennt er seinen Auftritt. Dieser fand auf dem "Deck" des Radialsystem-Baus (nahe Ostbahnhof) statt, ein paar Stockwerke über der Spree, wo sich unter anderem ein Ausflugsdampfer hörbar machte. Dazu ging die Sonne zwischen Wolken unter und bot eine angemessen extreme Beleuchtung für einen Choreografen-Tänzer, der sich zwar ebenfalls mit Geräuschen begleitet - aber nicht, um zu spielen.

Galván nimmt den Flamenco ernst, aber er wirkt doch auch wie einer, der ihn notfalls mit Gewalt in die Moderne zerren will. Zum Beispiel tanzt er gegen Ende auf Sand, zuletzt mit nackten Füßen, aber da im Flamenco nichts Leichtigkeit und alles Anspannung ist, stiebt der Sand bis auf die zuunterst sitzenden Zuschauer. Die abrupten Bewegungen erinnern an das Scharren eines Gockels, und man weiß nicht recht: Ist es (Selbst-)Ironie?

Allerdings sollte an diesem Abend nichts mehr kommen, das an Galváns doch beeindruckend energiegeladene Flamenco-Variation heranreichte. Während im Hebbeltheater noch einmal "The Song" zu sehen war von einer Choreografin, die einst gar nicht erst reifen musste, hatte der von "Sasha Waltz & Guests" im Radialsystem präsentierte Nachwuchs zwar offenbar ausgezeichnet tanzen gelernt, brachte es choreografisch aber nur auf Dutzendware.

Die reizvollste Bewegungssprache hatte noch Renate Graziadei erarbeitet; "Rückwärts" (so der Titel) konnte da in der Tat Manches ausgeführt sein, so dass selbst das im modernen Tanz gängige Vokabular eine aparte Fremdheit erhielt.

Alles andere bestätigte den alten Spruch: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut. Von den Arrivierten (hier: Sasha Waltz) sicherlich gut gemeint sind solche Nachwuchs-Plattformen, doch von 95 Prozent der dort Antretenden wird man nie was Großes zu sehen bekommen. Luc Dunberry etwa, bei Waltz und anderswo ein wunderbarer Darsteller, neun Jahre jünger nur als Keersmaeker, turnte mit einem Kollegen durch sein Stück "Aliens!", und die Belanglosigkeit der Bewegungen und alles anderen war erschreckend. Zwei Comicfiguren/Astronauten/ Müllmänner sind da im Nichts/auf dem Mond/der verwüsteten Erde. Einen Einkaufswagen, einen langen roten Schlauch und anderes Gerät haben sie dabei. Auf ein Zelt werden Meerestiere, verzerrte Gesichter, riesig vergrößerte Insekten, Wimmelbilder wie aus dem Film "Koyaanisqatsi" projiziert.

Und alles soll irgendwie den Menschen daran erinnern, dass er schlecht umgeht mit der Welt. Ach.

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