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Tanz und Spiel – und eigenwillige Frisuren.

Frankfurt

Gegen die Schwerkraft der Zeit

  • vonAndrea Pollmeier
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Die Produktion „Sommersprossen“ im Frankfurter Gallustheater.

Erneut setzt sich das Ensemble 9. November gegen scheinbar Unvermeidbares zur Wehr. Schon im Titel des neuen Stücks „Sommersprossen. Oder die Verwunderung des Menschseins“ im Frankfurter Gallustheater, blitzt widerspenstige Launenhaftigkeit durch, deutlicher noch zeigt sie sich im Arrangement der Szenen, die von der Geburt bis zur geerdeten Liebe den Zeitläuften folgen und sich dem Sog des Alltags entgegenstemmen.

Helen Körte hat in ihrer Inszenierung Augenblicke des Lebens wie Perlen auf einer Schnur aneinandergereiht. Nur grob sind sie in vier thematische Sequenzen eingeteilt. Was zunächst romantisch mit einer Anrufung des Mondes beginnt, endet mit ernüchternden Bildern von einer im Alltag verflachenden Liebe. Gegen eben diesen Sog des Alltags tritt die Inszenierung an, mit farbigen Kostümen, lebhafter Phantasie und einer von Uwe Kremp komponierten Musik, die sowohl an die romantische Liedtradition anknüpft, als auch zeitgenössische Klangräume entfaltet. Bernadette Schäfer (Sopran) und Katrin Becht (Violine) geben der Musik zusammen mit Kremps Einspielungen an Piano, Gitarre oder Xylophon ausdrucksstarke Präsenz.

Die Spannweite der eingesetzten Mittel, die das Ensemble nutzt, um eine „Poesie des Erlebens“ zu entfalten, ist breit. Mit schwingenden Petticoat-Röcken, die an die 50er erinnern (Kostüme: Margarete Berghoff), setzt die lyrische Erzählung (Text: Körte) ein. In vier Episoden wird „ungezügelten Fantasien“ über das Leben freien Lauf gegeben. Der romantischen Anrufung des Mondes folgen Hinweise auf Wind, Sonne, Schnee, Leben und das Menschsein.

Videoeinspielungen lenken den Blick in die Welt der Träume, über den Wolken spazieren fantastische Wesen mit burlesken Hüten oder einem Einhorn auf dem Kopf (Objekte und Bühne: Wilfried Fiebig, Grafik und Film: Jörg Langhorst). Ein „gestiefelter Stiefvater“ sieht sich mit eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert und wird, weil er seine prächtigen roten Stiefel vergaß zuzubinden, erbarmungslos ausgelacht. Auch über den Wolken ist das Leben nicht ungetrübt. Von dort kommen Orkane, die Vorboten der Hölle.

Als liefen sie Schlittschuh

Die Welt am Boden spiegeln Katrin Schyns, Venera Dick, Elena Thimmel, Myriam Tancredi, Eric Lenke, Richard Köhler mit den Mitteln von Tanz, Spiel und Pantomime. Angekündigt ist das „Tempo einer Schlittschuhläuferin“ – zwar gibt es auf der Bühne kein Eis, sondern nur Markierungen für Quadrate und Rechtecke, doch gleiten die Figuren tatsächlich in fantastischer Leichtigkeit über diese Fläche.

Als Erdwesen kämpfen sie gegen die Schwerkraft der Zeit. Sechs Sonnenblumen, deren „totes Auge andächtig blickt“, spiegeln in einer Schlüsselszene feinsinnig die Vergänglichkeit der Liebe. Mit der Zeit lassen sie den Kopf hängen, die Liebe zerbröselt.

Gallustheater Frankfurt: 26./27. September. www.gallustheater.de

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