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Ensemble 9. November: Ein Lied über gar nichts, im Schlaf gedichtet

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Von: Marcus Hladek

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Richard Köhler als Bühnenschwan. Foto: Ervis Qafa
Richard Köhler als Bühnenschwan. © Ervis Qafa

Ein „Stück für Fluss und Bühne“ vom Ensemble 9. November im Gallus-Theater.

Wilfried Fiebigs und Helen Körtes jeweilige Stücke mit dem Ensemble 9. November sind, was man in Asien „same-same“ nennt: ähnlich und sehr verschieden. Mit dem jüngsten Werk Fiebigs im Frankfurter Gallus-Theater, „Ich werde ein Lied über rein gar nichts machen: ein Stück für Fluss und Bühne“, hält der Philosoph und bildende Künstler an seiner Idee vom Gesamtkunstwerk fest. Die macht aus Textcollagen mit Originalmusik (von Theodor Köhler am Piano, Julie Grutzka und Pauline Jordan singen) intelligent gepuzzelte Kammeropern. Fiebigs Kostüm- und Bühnenobjekte ergeben bewegte Installationen, die uns wie hyperpräzise Intarsienarbeiten oder Akte klingender Goldschmiedekunst anrühren.

Den Titel luchst er dem „ersten Troubadour“ Wilhelm Herzog von Aquitanien ab. Dessen im Stück vielrezitierte Verse entstammen dem vierten seiner elf altprovenzalischen Lieder, die von erstaunlicher Stil- und Inhaltsvielfalt sind. Einige sind Kanzonen über die ideale Liebe, die den Minnesang mitbegründeten, andere derb bis obszön. So malt das fünfte Lied den 180-fachen Beischlaf mit zwei lüsternen Pilgerinnen aus, denen das lyrische Ich den Stummen vorgaukelt.

Am berühmtesten ist sein „Lied über rein gar nichts“, dessen Selbstbezüglichkeit die Hermetik der Manieristen und Modernisten um Jahrhunderte vorausahnt: „Ich werde ein Lied über rein gar nichts machen:/ weder über mich noch über andere,/ weder über die Liebe noch über die Jugend,/ noch über anderes./ Ich habe es im Schlaf gedichtet/ auf einem Pferd.“ Natürlich denkt Fiebig hier an Kants freie Spontaneität der Kunst. Rühmen muss man sein Gespür für Materialien, die auf den ersten Blick entlegen sind, aber auf den zweiten knallen: wenn schon Troubadour, dann so einer. Als zweite Text-Säule im neuen Stück dienen ihm García Lorcas „Kleine Ballade von den drei Flüssen“ („Durch Oliven und Orangen/ strömet der Guadalquivir./ ... auf den Wassern von Granada/ rudern einsam nur die Seufzer“) und Lieder aus dem „Romancero gitano“.

Sängerinnen wie Säulen

Szenisch rahmen die Sängerinnen die Bühne wie Tempelsäulen eher statisch ein. Auch ist der Verschiebebahnhof der Objekte (eins gleicht einer schiffbaren Riesen-Mausefalle) fast zu klassischer Fiebig. Mit Geduld für figurativen Hintersinn lässt sich aber viel entdecken. Etwa die Antithetik zwischen dem lebenden Bühnengeschehen und den schwarz-weißen Filmprojektionen vom Mainufer, die die Landschaft teils im Fluss spiegeln und der „Reflexion“ so eine Traumdimension geben.

Wenn Fiebig mit Richard Köhler seine Kunst schwimmen lässt, fragt man sich spontan, ob er einen Kunst-Ponton über den Apfelwein-Lethe schlägt, ehe man realisiert, dass treibende Kunst im Fluss an den singenden Kopf des mythischen Ur-Dichters Orpheus erinnert. Der lebende Main-Schwan wetterleuchtet auch zum Schwanen-Tütü als Köhlers Bühnenkostüm hinüber. So gewinnt das neue Perpetuum mobile aus der E9N-Schmiede alt-neue Leuchtkraft.

Gallus-Theater, Frankfurt: 26.-29. Mai. www.gallustheater.de

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