Frankfurt

English Theatre Frankfurt: „Huck Finn“ – Bei den Südstaatenholzköpfen

  • vonMarcus Hladek
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Das English Theatre Frankfurt denkt in seiner geglückten „Huck Finn“-Version das Heute triftig mit.

Für Ernest Hemingway begründeten die „Abenteuer des Huckleberry Finn“, in Frankfurt für ein junges Publikum in fünfzigminütiger Spielfassung von Sean Aita zu sehen, die ganze neuere US-Literatur. Regisseur PJ Escobio ist die stoffliche Aktualität von Freiheit versus Rassismus freilich viel wichtiger als Züge wie das Kleinstadt-Idyll, die Außenseiter-Irrfahrt oder der jugendliche Erzähler, wie sie bei Sherwood Anderson, Jack Kerouac oder Salinger wiederkehren sollten.

In die falsche Richtung

Statt ein Vorbürgerkriegs-Idyll zu romantisieren wie im „Tom Sawyer“, wirft Mark Twain Huckleberry auf der Flucht vor Vaters Prügel mit dem flüchtigen Sklaven Jim auf einem Floß zusammen, das die Freiheit in der geographisch falschen Flussrichtung sucht: immer noch tiefer in den Süden. Der Autor aus Hannibal, Missouri (ein Ortsname, der auf Daniel Schults flexibler Multi-Bühne aus Holzwand und Hütten nebst Sense, Sack und Kisten prangt) spendiert Huck mit der wachsenden Freundschaft zu Jim indessen eine innere Reifung, die über „Tom Sawyer“ weit hinausreicht. „Huck Finn“ wird zur Pikaro-Satire auf die Hinterwäldler, die den Floßfahrern begegnen.

In ihrer religiös verbrämten Dummheit erinnern diese Sklavenhalter an den schmelzenden Kern heutiger Trump-Republikaner. Wurden damals unverhohlen Sklaven gejagt, so quittiert die „Black Lives Matter“-Bewegung die Rückkehr rassistischer Gewalt von Donald Trump her, dem „Rassisten im Präsidentenamt“ (Joe Biden). Das ist regiemäßig so stark mitgedacht, dass man diesen „Huck Finn“ fast als Schlüsselstück lesen möchte: „learning the river“ in zweiter Potenz.

Wie viele Projekte hätte Escobios „Huck Finn“ längst Premiere haben sollen und spielt nun in erneuerter Besetzung, da Schauspielern der USA im Griff des „Trump-Virus“ (Nancy Pelosi) die Einreise verwehrt ist oder andere Verträge vorrücken. Mit Leanne Maksin als barfüßigem Titelhelden und Ich-Erzähler in Ballonmütze und Jeans-Hosenanzug landet das Jugendstück für regionale Schulen gleichwohl einen Treffer, da die Profi-Sprecherin den breiten Soziolekt des bildungsfernen 14-jährigen Südstaatlers bestens hinbekommt. Auch die verblüffte Mimik und das Körperspiel des welthungrigen Nichtswissers mit gutem Herzen gelingen ihr in ihrer humorvollen Hosenrolle glänzend.

Die Zeit der Gier

Ihr Gegenüber spielt Keith Wilson, der als Sklave Jim mit religiösen Liedern wie „Wade in the Water“ viel von alter Traumatisierung durch Sklaverei und dem damit verbundenen körperlichen Unbehagen ausstrahlt. Die übrigen Rollen teilen sich Evan Scott Schweizer, der als recht bärtiger Tom Sawyer ein komisches Kostüm-Doppel Hucks ist und zudem Finn père und einen der Hochstapler spielt, sowie Varvara Pomoni in Frauenrollen und als zweiter Hochstapler. Pomoni agiert sonst auch in Escobios „Ensemble Shakespeare Frankfurt“ im Botanischen Garten. Das kostümmäßig herausgeputzte „adlige“ Hochstaplerpärchen, das in seiner Zeit der Gier jede Treu und Glauben bricht und mal eben den Sklaven verscherbelt, erinnert in der absichtsvoll schlechten Mantel-und-Degen-Version seines „Richard III“ für Südstaatenholzköpfe wiederum an den Fake-Präsidenten im Weißen Haus.

English Theatre Frankfurt: bis 15. August. www.english-theatre.de

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