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Wieso ist die denn so schwer? Na, raten Sie mal! André Jung und Caroline Peters in der Salzburger Uraufführung von „Die Empörten“.

Salzburger Festspiele

„Die Empörten“ in Salzburg: Fuß hängt aus Kiste

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Uraufführung: Theresia Walsers neues Stück „Die Empörten“ als klamottige Komödie bei den Salzburger Festspielen.

Nichts war bei diesen gemischten Salzburger Festspielen unwesentlicher als die vorab ausgegebene Devise, es werde um die Mythen der Antike gehen. Erst bei der letzten Premiere fiel es einem vielleicht wieder ein. Theresia Walsers neues Stück „Die Empörten“ hatte zwischenzeitlich unter anderem den Arbeitstitel „Kreons Schwester“.

Wenn man die gestresste, aber auch ihrerseits nicht kleinliche Kommunalpolitikerin Corinna Schaad als Nachfolgerin von Antigones Onkel betrachtet, bekommt sie tatsächlich etwas von jener Mehrschichtigkeit, die der ganz schön bösen, aber für ein Theaterstück nicht besonders abgründigen „finsteren Komödie“ ansonsten fehlt. Und nach zwei Stunden Spielzeit (ohne Pause, Theaterpausen geraten aus der Mode) auch schmerzlich fehlt. Schillernd aber wäre der dann nicht weiter verfolgte Zusammenhang zwischen dem König, der die Beerdigung eines seiner Neffen aus politischen Gründen untersagte, und der Bürgermeisterin von Irbertsheim, die ihren vermutlich als Amokläufer (Terrorist? War es ein Suizid, ein Unfall?) zu Tode gekommenen Bruder in einer Kiste verstaut.

Die Bürgermeisterin von Irbertsheim, das merkt man schnell, hat mehr als ein Problem, aber das letzte, was sie jetzt brauchen kann, ist ein naher Verwandter, der einen anderen Menschen mit in den Tod gerissen hat. Einen Muslim, den er bei seiner Todesfahrt in einer Fußgängerzone überfahren hat. Es gibt weitere Verletzte, und der Fahrer soll „Allahu akbar“ gerufen haben.

Theresia Walser komprimiert die Situation nun extrem. Die Leiche des noch nicht identifizierten Bruders wurde auf Geheiß der Schwester vom anderen Bruder gestohlen, der zwar ein Waschlappen ist, aber nun gewissermaßen als Antigone auf einem würdigen Begräbnis beharrt. Unbegreiflich, dass die Leiche nun in einer Kiste ausgerechnet in Schaads Arbeitszimmer versteckt werden muss, einer für Irbertsheim und die deutsche Geschichte beziehungsreichen Kiste. Hier verbarg sich Luther, angeblich war sie als letztes Versteck für Hitler ausersehen. Hier hängt außerdem zunächst der Fuß des Bruders heraus, so dass ein braver Bediensteter ihn gerade noch sieht (sehen muss). Komödien brauchen Kisten, wie regelmäßige Komödienbesucher wissen, und wenn ein Fuß raussteht, wird aus der Komödie eine Klamotte.

Nebenan soll eine Trauerfeier für das Opfer des Anschlags (Amoklaufs, Unfalls) stattfinden. Die Lieblingsschuhe des Opfers, die die Witwe vorbeibringt, stecken bald aus Versehen an den Füßen der Bürgermeisterin. Auch das ist in einer Komödie so, in einer Boulevardkomödie. Eine Boulevardkomödie zu ironisieren: schwierig.

Das größte Problem ist aber nicht die Leiche in der Kiste, sondern die rechtspopulistische Konkurrentin in der Irbertsheimer Stadtpolitik, die smarte Elsa Lerchenberg. Die gegenwärtige Konfrontation einer abgebrühten Demokratin mit einem auch schon routinierten Rechtsaußen wendet das Komödiantische ins Politsatirische. Da fliegen sie uns um die Ohren, die Worthülsen, und die Worthülsen der Etablierten und der Establishmenthasserin liegen nicht so weit auseinander, wie es sich die beiden Frauen wünschen würden (stimmt das?). Aber auch die Politsatire, so eloquent und vorerst auch pointenreich sie ist, wächst nicht über sich hinaus.

In Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart inszeniert der dortige Intendant. Burkhard C. Kosminski ist ein erfahrener Uraufführungsregisseur, gerade mit Theresia Walser hat er in Mannheim und dann in Stuttgart etliche Arbeiten zusammen vorbereitet. Auch diesmal ist zu sehen, wie getreulich er sich auf die Situation einlässt, aber vielleicht wäre es besser gewesen, es irgendwie anders zu versuchen. Weniger offensichtlich? Aber wenn die eng in die Arbeit einbezogene Autorin es doch so wollte?

Im Salzburger Landestheater hat Florian Etti eine Bilderbuchbühne aufgebaut, das hölzerne Arbeitszimmer, die Kiste, das Kruzifix, das ebenfalls zur Debatte stehen wird. Hinter einer Glaswand nachher ein kaleidoskopisch wanderndes, vom Salzburger Publikum vergnügt erkanntes Bergidyll, in das sich die rigorosen baulichen Entscheidungen der Bürgermeisterin unschön hineinschieben. Wie Irbertsheim wird auch die Komödie von ihr regiert, denn Caroline Peters, eine wahrhafte Komödiantin, hat die Rolle übernommen und drückt ihr ihren Stempel auf.

Wenn Caroline Peters’ Bürgermeisterin staunt, blufft, auf Zeit spielt, wenn sie einen Satz raushaut wie: „Man kann den kleinen Faschisten schon da drinnen lassen“ (im Kopf), dann bleibt sie so knochentrocken dabei, dass das Publikum sich kringeln darf. Wenn sie aus dem Brustton der Überzeugung erklärt: „Was nach mir kommt, ist schlimmer“, dann verlassen sie und das Stück für einen Moment die Komödienebene. Aber gerade dann merkt man auch, dass die Angebote über das Komödiantische und Satirische hinaus einfach kein Drama sind.

Peters’ Bürgermeisterin selbst ist eine Kunstfigur, ihre Umgebung ist es erst recht: Silke Bodenbender als strahlende Rechtspopulistin – man ist hellblond in Irbertsheim insgesamt – öffnet sogar die automatische Tür mit einer hitlergrußartigen Armbewegung. Ansonsten dürfen wir aber nicht einen Spalt breit in ihr Inneres schauen. Ihr ganzes Dasein, ein öffentlicher Auftritt, eine auf Laut gestellte Stimme, ein steinernes Lächeln. Gut, dass es wenigstens einmal zu einem bösen, dummen Rumgekicher mit der Bürgermeisterin kommt. Das kann Frauen passieren.

Noch härter trifft das Künstliche die anderen Figuren. Aus dem Bediensteten Pilgrim, André Jung, der Frau Schad und Frau Lerchenberg die gleiche Trauerrede geschrieben hat und keine merkt’s, platzen nachher die Ressentiments gegen das Fremde heraus wie aus dem Nichts. Frau Schaads überspannter Bruder Anton, Sven Prietz, ist eine Karikatur jammeriger Selbstbezogenheit – zugleich macht er deutlich, dass die anderen bloß zupackendere Karikaturen der Selbstbezogenheit sind. Und die Witwe des Opfers, Frau Achmedi, Anke Schubert, ist mit den üblichen Vorurteilen konfrontiert (nein, hier werde heute nicht geputzt; ach, sie spreche aber gut Deutsch – Frau Achmedi: Sie auch), bis sie am Ende selbst die üblichen Vorurteile (gegen osteuropäische Schlampen etc.) ventiliert.

Empörte sind am Ende also alle. Außer Corinna Schaad, gewissermaßen. „Was nach mir kommt, ist schlimmer.“ Das könnte weit bitterer sein, wenn man es nicht so schnell verstehen würde und der Abend dann nicht noch eine ganze Weile weiterging. Andre Hans Platzgumers nette Musik ist eine glasklare Komödienmusik. Der Beifall ordentlich, aber von der endenden Art.

Termine

Salzburger Festspiele, Landestheater: 20., 22., 23., 25., 27., 29. August. Premiere am Schauspiel Stuttgart: 19. Januar 2020. www.salzburgerfestspiele.at

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