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Szene aus Emanuel Gats Choreografie „Act II & III Or the Unexpected Return Of Heaven and Earth“.
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Szene aus Emanuel Gats Choreografie „Act II & III Or the Unexpected Return Of Heaven and Earth“.

Tanzfestival Rhein-Main

Emanuel Gat im Frankfurt LAB: Himmel und Erde

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Das Tanzfestival RM beginnt fulminant mit Emanuel Gats Choreografie zu Puccinis „Tosca“.

Am dritten Tag wurde im November 2020 das fünfte Tanzfestival Rhein-Main vom Komplett-Lockdown erwischt. Koordinatorin Juliane Raschel erzählte, wie sie damals niemanden ihre Tränen sehen lassen wollte, sich darum nicht mit Kamera zuschaltete zu Kolleginnen und Kollegen. Diesmal wird, im zweiten Jahr der Pandemie, schon im Programmheft vor möglichen Änderungen gewarnt.

Aber einstweilen hätte das sechste, von Bruno Heynderickx vom Hessischen Staatsballett und Anna Wagner vom Mousonturm kuratierte Tanzfestival Rhein-Main nicht furioser starten können: Vor rappelvollen, wenn auch maskenbewehrten Reihen im Frankfurt LAB zeigte Emanuel Gat Dance – der israelische Choreograf Emanuel Gat steht als „Spotlightkünstler“ im Zentrum dieser Festivalausgabe – das im Januar in zehn Tagen entstandene, 70-minütige Stück „Act II & III or The Unexpected Return Of Heaven and Earth“.

Es muss in einer Art Rausch entstanden sein, es fließt, es wirkt so einfach und organisch. Gut möglich, dass die von Gat ausgesuchte Musik für diesen Rausch gesorgt hat, sie wird im LAB in erheblicher Lautstärke eingespielt: eine 1965 aufgenommene „Tosca“, mit Maria Callas in der Titelrolle, Carlo Bergonzi als Cavaradossi, Tito Gobbi als Scarpia. Georges Prêtre dirigierte. Der Klang, die Stimmen flirren vor Intensität im Halbdunkel der Halle.

Aber man denke nun nicht, dass Emanuel Gat irgendetwas nacherzählt von der tragischen Puccini-Handlung. Im ersten, gut halbstündigen Teil stellt er den Menschen nackt auf die Bühne. Beleuchtung vor allem von der rechten Seite modelliert die Körper, definiert jeden Muskel, jedes Schlüsselbein, jede Rippe. Elf Tänzerinnen und Tänzer sind es insgesamt, aber vorerst treten sie allein auf, überschneiden sich allenfalls kurz beim Auftreten und Abgehen.

In Gats variationsreicher Bewegungssprache mischen sich auf faszinierende Weise Gesten, die man als pathetisch bezeichnen kann, mit einem fast nüchternen, exakten, auch selbstvergessenen Ausmessen des Raumes. Posen werden kurz gehalten, Arme flehend gereckt, Hände vors Gesicht geschlagen. Dann wieder könnte man meinen, da probt einer oder eine still und konzentriert vor sich hin.

Während der letzte Nackte noch seine ornamentalen Kreise zieht, kommen die anderen schwarz angekleidet herein. Teilen sich wenig später in vor allem Trios auf, weben einen leichtfüßigeren, beschwingteren Tanz, schauen sich auch mal gegenseitig zu.

Schließlich meint man (und linst heimlich auf die Uhr), das Stück ende mit einer Probensituation, denn plaudernd sitzen und stehen Tänzerinnen und Tänzer entlang des rückwärtigen Vorhangs. Doch nach einer Weile der leisen Musik, als entfernten sich Tosca und Cavaradossi, nimmt diese „unerwartete Wiederkehr von Himmel und Erde“ noch einmal kurz Anlauf, auch die Expressivität der Bewegungen nimmt wieder zu.

Die Kritikerin gibt zu, dass sie misstrauisch war, als der Abend begann: Will hier einer die überwältigende Kraft der Puccinischen Musik, die anrührende, vibrierende Intensität des Gesangs nutzen, um dem Tanz ein Gewicht zu geben, das er ohne diese „Begleitung“ nicht hätte? Das stimmt einerseits. Andererseits ist die Choreografie in ihrer bezirzenden Zwitterhaftigkeit gemacht für diese Musik. Setzt darauf ihre eigenen, eigentümlichen Akzente.

Und was ist am Ende schlecht daran, wenn ein Tanzabend statt auf den Kopf aufs Bauchgefühl zielt, wenn er selbst dem gezielt Gefühlssatten nicht ängstlich ausweicht? Es waren in den vergangenen Jahren vor allem auch israelische Kolleginnen und Kollegen Emanuel Gats, die dem kühl-ironischen deutschen Konzepttanz (der sich mittlerweile totgelaufen hat, nur haben es noch keineswegs alle jungen Tanzschaffenden gemerkt) eine von Körpern vermittelte, immense Energie entgegensetzten. Eine Energie, die nun dieses Festival anstieß.

Tanzfestival Rhein-Main: bis 14. November. tanzfestivalrheinmain.de

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