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Elfriede Jelinek „Lärm“ und „Was ich sagen wollte“: Macht ja nichts

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Von: Judith von Sternburg

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Arme, aber aufgeweckte Schweine auf der Umlaufbahn.
Arme, aber aufgeweckte Schweine auf der Umlaufbahn. © Thomas Aurin

Das Haus brennt, aber er ist nicht drin: Sebastian Kurz, Corona und die ganzen armen Schweine. Stefan Bachmann und das Schauspiel Frankfurt bringen neue Texte von Elfriede Jelinek zum Tanzen und Klingen.

Der scharfe Blick auf das Unscharfe bringt das Unscharfe, also das meiste, sofort in Erklärungsnot. Die Ausdeutung der Andeutung ist allgemein verhasst, ist sie doch beunruhigend, erst recht, wenn der springende Punkt dann ein Wortschwall ist, ein Wortschwall von Elfriede Jelinek. Wir hören kurz rein in „Was ich sagen wollte“: „Ich habe nichts zu sagen. Ein andres Geheimnis habe ich nicht. Nichts los hier. Mein Geheimnis ist, dass es keins ist. Wir machen nichts wieder gut, was wir gemacht haben, nein, wir machen es besser.“ Und wenn es doch Probleme gibt? „Rein ins Haus jetzt und stürzt es in Trümmer! Ich bin ja nicht drin. Haut es ruhig kaputt. Macht ja nichts.“

So endet der Text, der sich um den österreichischen Ex-Politiker Sebastian Kurz dreht, damals noch politisch aktiv, aber ohnehin könnte es auch ein anderer Populist sein, so dieser nur gewinnend genug wäre, wahlgewinnend. Als „junger Gott“ tritt er bei Jelinek auf, „so neu ist er nicht mehr, er regiert bereits wieder den Staat, leider meinen, ja, schon wieder, er hat sich entschieden und wir mit ihm, wir für ihn, das ist doch schön“.

Das ist das eine: „Was ich sagen wollte“, auf entsprechende Anfrage für das Schauspiel Frankfurt geschrieben und hier nun mit enormer Verspätung uraufgeführt. Coronabedingter Verspätung, das ist das andere: „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“, vor einem Jahr am Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt, kreiselt um die Pandemie (Ischgl, Lockdown, Impfängste). Es ist eine Volte der Geschichte, dass das Frankfurter Team zwischendurch fürchtete, im Sommer 2022 zu spät damit zu sein. Dabei wächst er immer weiter an, der Wortschwall hier draußen, so dass er sich dem Jelinek-Wortschwall immer mehr annähert, dem Jelinek-Wortschwall gerade mit den exzessiven Wiederholungen, dem pedantischen Auf-der-Stelle-Treten, den Ungeheuerlichkeiten zwischendurch. Das öffentliche Diskursniveau wird dem immer ähnlicher, was Jelinek dem Kollektiv seit jeher in den Mund legt. Unterstellung, dachten die Missmutigen, Hellseherei könnte man es auch nennen.

Eine Zauberin tritt in „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ auf, es ist Kirke, die die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelt. Jelinek, die selten vorgibt, was gezeigt werden könnte, erwähnt ein Schweineballett, Regisseur Stefan Bachmann stellt das Schweinsein in das Zentrum seiner Aufmerksamkeit.

Und unserer. Die Bühne von Olaf Altmann ist ein gemächlich rotierender Ring, darüber ein zweiter, der sich erst langsam nach oben bewegt, das Ganze raumschiffmäßig (spannende Beleuchtung: Frank Kraus). Oder eine Umlaufbahn, in der Mitte aber: nichts. Auf der Umlaufbahn: die armen Schweine, die mehr oder weniger fetten Leiber schon fürs Auseinandernehmen markiert (von Jana Findeklee und Joki Tewes, Kostüme, sympathischerweise aber irreführend nummeriert). Nachher durchlaufen die Schweine eine Art Menschwerdung, sind immer noch Schweine, jetzt aber in hellblauen Anzügen mit kurzen Hosen. Es wäre richtig, an die Kurz-Partei zu denken, aber auch in Deutschland ist kräftigeres Hellblau politisch einschlägig besetzt. Die Schweine können auch als griechische Helden auftreten, sie springen, hüpfen, marschieren, sie sprechen chorisch, monologisieren, schwadronieren, geifern, plappern, vor allem plappern sie. Es ist eine Lust, es ist ein Graus, es hört nie auf.

Die Schweine sind am Anfang und zwischendurch ganz schlapp, das Ensemble in den Schweinekostümen ist von Anfang an unheimlich auf Draht für den Kraftakt, den das Ganze erfordert: die Schauspielerinnen Christina Geiße, Heidi Ecks, Melanie Straub, Agnes Kammerer und Susanne-Marie Wrage, die Schauspieler Heiko Raulin und André Meyer. Zwischen Schweinsohren und Rüsselchen erkennt man sie, erkennt ihre Stimmen, eine Verwandlung hat stattgefunden, aber Schweine sind auch bloß Menschen.

Bachmann ist ein Jelinek-Spezialist, und man erlebt hier wieder, wie sagenhaft gut er sich in den vorliegenden Textkoloss, die vorliegenden Textkolosse eingegroovt hat, wenn man das einmal so sagen darf. Es wurde stark gekürzt, während die Uraufführung in Hamburg (von Karin Beier inszeniert) drei Stunden lang war, kommt der Frankfurter Abend zusammen mit dem hineingeschobenen neuen Text auf eine Stunde, 50 Minuten. Pausenlos dargeboten, wie sollte man auch hineinschneiden in den strammen, durchrhythmisierten, zwingenden Verlauf. Er wirkt atem- und geradezu besinnungslos. Das Nachdenken (der Autorin, des Theaters) hat bereits stattgefunden – ein intensives Nachdenken, es wäre irre anzunehmen, das bräuchte es nicht für einen solchen Text –, dazu eine akribische Vorbereitung sondergleichen. Jetzt strömt es aus den Mündern heraus wie nichts, unablässig, aber nie stupide pulsierend, in musiktheaterhafter Qualität und Ausfeilung.

Zu Bachmann kamen dafür Sabina Perry (Choreografie/Körperarbeit) und Sven Kaiser (Chorische Einstudierung). Kaiser, im schweinchenrosa Frack am Bühnenrand platziert, bietet den Puls, bietet verschiedene Pulsfrequenzen, dazu musikalische Einfälle fantastischer und bizarrer Natur, inklusive eines schrägen „Nebensonnen“-Einschubs, Franz Schuberts „Winterreise“-Lied, aus dem Jelinek zitiert.

Auch sonst zitiert sie viel. Das Gerede der Leute eh, aber auch zum Beispiel ein Filetstück aus Oskar Panizzas Essay über das Schwein (hier: die Feier seiner Auferstehung). Die Schweine: arm und redselig. Sie sind Odysseus’ verzauberte Gefährten, gerieten aber zwischenzeitlich auch in die Pandemieberichterstattung, als der besonders dramatische Ausbruch in einem bekannten Fleischbetrieb den Blick auf die dortigen Arbeitsbedingungen lenkte. Und auf die Liebe des Virus zu niedrigen Temperaturen und auf die entsetzliche Situation des Schlachtviehs, die sich nicht verbesserte, weil es nun nicht pünktlich geschlachtet werden konnte. Und wieder hilft das Theater unserem schlechten Gedächtnis auf die Sprünge.

Es ist aber auch ein furchtbar unterhaltsamer Abend. Eine brillante Ensembleleistung.

Was, echt, es gibt erstmal nur zwei weitere Termine?

Schauspiel Frankfurt: 23., 29. Mai. www.schauspielfrankfurt.de

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