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Orest als Hooligan: Mark Ortel, hier mit Lara-Maria Weine.

Staatstheater Mainz

Tanz den Blutrausch

  • vonMarcus Hladek
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„Elektra/Iphigenie“ nach fünf Autoren am Staatstheater Mainz.

Zehn Jahre ist die letzte „Iphigenie auf Tauris“ am Mainzer Staatstheater her. Nun also Alexander Nerlichs „Elektra/Iphigenie“ auf Basis einer wilden Autorenriege (Sophokles, Goethe, Hofmannsthal, Aischylos, Euripides) und Textkompilation aus 2400 Jahren (Dramaturgie: Rebecca Reuter). Hinter allem steht der Tantaliden-Erbfluch: Tantalus leidet, für eine Untat gegen die Götter, „Tantalusqualen“ im Hades. Seine Nachfahren müssen einander morden und morden. So hätte Agamemnon für ein günstiges Omen vor Troja die Tochter Iphigenie geopfert (Artemis entrückte sie vom Altar), und seine Gattin Klytaimnestra meuchelte ihn im Bade. Im „Elektra“-Stoff töten die Kinder Orest und Elektra Klytaimnestra, in „Iphigenie auf Tauris“ ist Orest vom Tod durch die Schwester und Artemis-Priesterin Iphigenie bedroht.

Nerlichs „Elektra/Iphigenie“-Dilogie legt einen Schwestern-Zweischritt hin: vom ekstatisch-heroischen Mord mit Elektra als Cheerleader-Girl Orests stracks weiter zu Goethes verteufelt humaner Versöhnung. Übrigens beruft sich Nerlich zwar auf Goethes Prosa-Iphigenie von 1779 und nicht die spätere Versfassung, doch tut das der Sublimierungstendenz der Goethe-Iphigenie beim Skythenkönig keinen Abbruch. Die Blutrache verschwindet im Rückspiegel.

Es bleibt bei Nerlichs Ansatz: die Schwestern neben Orest auf einer Bühne vereint, der Männerwelt zum Trotz. Die Pause in zweieinhalb Stunden Spieldauer darum nicht sauber zwischen den Stoffen. Iphigenie tritt schon vor der Pause auf: nach dem Hooligan-haften Erscheinen des von Erinnyen gejagten Mörders Orest (Mark Ortel) und seines Freundes Pylades (Simon Braunboeck), die ihren atavistischen Blutrausch austanzen.

Elektra (Elena Berthold) ist zwar blond und offenherzig-mannbar, als antikisch-trauernd kostümierte Rächerin aber fast so ein Rabe wie Klytaimnestra (Hannah von Peinen) mit ihrem getürmten Haar. Ihre wahnhafte Trauerekstase und Rachgier macht sie zur Totenkrähe und stellt sie mitten in die von Robert Schweer (Bühne) objektivierte Spiegelwelt ihrer Paranoia. Die liegt physisch real hinter einem Schein-Spiegel, die Protagonisten-Doubles zeigen Eigenleben. Elektra klammert sich halb irre an eine Pferdestatue (Freud?), ringt mit dem Mantelgewand Agamemnons auf einem Sessel, verrückt die zerlegte Rakete und stößt zu ihrer Spiegel-„Schwester“ vor.

Ganz anders Iphigenie (Lisa Eder), die, viel sanfter als die greinende Elektra, dank der Drehbühne unversehens da ist, sich still von der Wand löst und bald auch von Orests Extremen absetzt, der sich ungriechisch aufhängt und in einem Wassertanz (Choreografie: Laura Witzleben, Musik: Malte Preuss) die alten Tantalusleiden aufwärmt.

Iphigenies Grau ist mau, doch offen für Nuancen. Ihr Fransen-Poncho und der grobe Haarschnitt machen passend zur Barbarei eine Indianerin aus ihr, die man sich neben dem irokesisch frisierten Thoas (Johannes Schmidt) als Kulturmittlerin wie Pocahontas denkt (Kostüme: Zana Bosnjak). Orest mit seinen Ninja-Erinnyen trägt die mythische Gefangenschaft dagegen noch im Kerkermuster des Netzhemdes an sich. Eine Inszenierung unaufgehobener Gegensätze.

Staatstheater Mainz: 30. Oktober, 8., 21., 30. November, 17., 19. Dezember. www.staatstheater-mainz.com

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