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Auch als Meute lässt Pérez seine Tänzer gern antreten.

Theater Heidelberg

Die Einwohner verbiegen sich

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In einem kleinen Park stellt Heidelbergs neuer Tanzchef Iván Pérez sein Ensemble vor.

Es ist keine ganz neue Mode, das Publikum zu Performances aller Art an diverse zu solchem Zweck völlig unübliche Orte zu locken, auch kann man über ihren Mehrwert streiten, aber es ist ein Mode, die vorerst anhält. Manchmal soll das Publikum ein wenig mitspielen, manchmal nur hinterherlaufen, sich gut positionieren, auf dass jeder trotz vieler Mit-Gucker mehr sieht als die Rücken der anderen. Vor allem letzteres (ersteres nur von vielleicht zwei Handvoll Leuten) war gefordert bei einer Aufführung des neuen Heidelberger Tanztheaters. Der 1983 geborene Spanier Iván Pérez hat mit Beginn der neuen Saison die Niederländerin Nanine Linning am Theater Heidelberg abgelöst, er ließ die Truppe sich gleichsam vorstellen in einer kleinen Parkanlage und mit dem 2016 in Italien entstandenen „The Inhabitants“ (die Bewohner).

Vom Gebäude der Firma Octapharma im so genannten Technologiepark aus startet das Sender- und Kopfhörer-bewehrte Publikum über eine Ampel in einen kleinen Park mit Teich und Brücke, Wiese, Rindenmulchflächen, großer alter Trauerweide, einigen Betonhubbeln mit Metalldüsen oben, aus denen wohl eigentlich Wasser fließen soll. Scheinwerfer leuchten zuerst die Brücke an, hinter deren Geländerstreben sich das zwölfköpfige Ensemble vorbeischiebt, sich ineinander windet, knäuelt. Einzelne biegen sich, kriechen und schlängeln allein. Die elektronische Musik von Rutger Zydervelt knurpselt, zirpt, pulst, wispert.

Der Großteil der Zuschauer blickt von unten hoch, einige wenige Mutige gehen zwischen den Tänzerinnen und Tänzern durch. Dann bewegt sich die Karawane weiter, auf die Wiese, wo das Ensemble purzelt, stürzt, niedersinkt, dann weiter zur Trauerweide, wo eine Tänzerin auf einen dicken Ast klettert, absteigt auf die Schultern eines Kollegen, wo dann die einen von den anderen Huckepack zur nächsten Station getragen werden. Man schiebt sich im Knäuel über die Betonhubbel.

Ein Paar tanzt schließlich ein Duo, während ein dritter Tänzer sie mit Wasser besprüht (Raunen im Publikum, es ist recht kalt inzwischen). Zuletzt geht es wieder über die Ampel und ins Octapharma-Gebäude. Das Publikum steht unten im Foyer, oben pressen sich nackte Tänzerkörper ans Glasgeländer. Nach rund 60 Minuten sehr freundlicher Applaus.

Der Ausflug an öffentliche Plätze oder in üblicherweise nicht für Performances genutzte Gebäude ist, wie gesagt, derzeit bei Theater- und Tanzleuten ziemlich in Mode. Ungewiss, ob es dem Publikum etwas bringt, außer, es ein wenig zu verunsichern und aus seiner Komfortzone zu holen. Gewiss, man schaut in diesem Park ein wenig anders auf die Tänzerkörper – vor allem besorgt, die Darsteller könnten sich verletzen, etwa an Glasscherben –, aber man sieht entweder gar nicht oder doch schlecht, wann immer man einen neuen Stand-Punkt finden muss, an dem man auch nicht von einem der starken Scheinwerfer geblendet wird. Und in einer Zeit, in der zunehmend auf Inklusion geachtet wird, kann bei solcherart Performances nur mit, wer einigermaßen gut zu Fuß ist.

Heidelbergs neuer Tanzchef Iván Pérez scheint expressive Körperballungen, kuriose Verwindungen, auch geschmeidig-tierchenhafte Bewegungen zu schätzen. Mehr kann man über seine Qualitäten als Choreograf vorerst nicht sagen. Im Dezember wird es die erste Premiere im Marguerre-Saal geben.

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