Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Margarethe und Mephistopheles vor dem Showdown: Mandy Fredrich und Adam Palka an der Oper Stuttgart, wo Frank Castorfs „Faust“ Premiere hatte.
+
Margarethe und Mephistopheles vor dem Showdown: Mandy Fredrich und Adam Palka an der Oper Stuttgart, wo Frank Castorfs „Faust“ Premiere hatte.

Frank Castorf „Faust“

Es war einmal in Paris

Er mag diese Leute einfach: Frank Castorf serviert eine lukullische „Faust“-Inszenierung für die Stuttgarter Oper und muss sich dafür vom Premierenpublikum bejubeln lassen. Da trollte er sich dann lieber.

Der neue Stuttgarter „Faust“ ist über weite Strecken ein Heidenspaß. Die Oper von Charles Gounod, die früher nicht zuletzt aus Gründen der Goethe-Verehrung in Deutschland „Margarethe“ hieß (Motto: Es kann nur einen geben, und der ist garantiert kein Franzose), wird hier als nächtliches Pariser Voodoo-Melodram präsentiert. Zwischendurch fällt der Regie noch allerhand Politisches auf. Der Algerienkrieg! Sofort gibt es auf den Leinwänden die passenden Bilder dazu, und die Soldaten haben Köpfe in der Hand! Und Valentin, eh stark gefrustet, schmiert über das Metro-Stationsschild Stalingrad (!) hetzerische Parolen! Auch werden Fremdtexte dazwischen gequasselt! Sogar in die Musik! Sie haben natürlich mit der Handlung zu tun (das ist wirklich kein Kalauer, sondern eine Faustregel: Es gibt nichts, was mit dem Faust nichts zu tun hat). Aber selbst im Programmheft liest man über solche Früchte der Dramaturgie nicht selten hinweg.

In erster Linie jedoch bewegt sich das Bilderspektakel vergnügt (vergnügt bis zur Ironie?) an Musik und Handlung entlang, so vergnügt und spektakulär, dass großer Stuttgarter Jubel nicht nur für die musikalische Leistung, sondern auch für die Inszenierung losbrach. Das ist Frank Castorf von einem – trotz auswärtiger Durchmengung bei der Premiere – so genannten bürgerlichen Publikum nicht gewöhnt. Er wirkte etwas – verlegen? Rettete sich jedenfalls seinerseits mit einer Extraverbeugung ins Ironische und trollte sich vor der Zeit.

Gounod und Castorf, es passt anscheinend gut zusammen. Die Oper zeigt sich hier von ihrer opulenten Seite, das Grausige wird – das Terzett vorm Finale demonstriert es überwältigend – regelrecht überwalzt von der atemberaubenden Schönheit der Musik. Die Regie zeigt sich hier ebenfalls von ihrer opulenten Seite, das Grausige ist – Stalingrad, Algerien und Rimbaud-Einschüssen zum Trotz – letztlich auch ein Schauwert. Überhaupt ist das so ein Abend, um sich einmal zu vergegenwärtigen, dass Oper kein vorrangig intellektuelles Feld ist. Von einem bestimmten Blickwinkel aus betrachtet. Frank Castorfs zum Beispiel.

Aleksandar Denic hat ein steiles, düsteres und extrem komprimiertes Paris auf die Drehbühne gepackt, Vorstadt und Notre-Dame auf einem Haufen. Ein Bistro, in dem man noch Absinth bekommt, eine aufgelassene Metzgerei, über der Gretchen ihr Dachzimmer hat, Mephistos Bude mit Schlangenterrarium.

Man kann sich nicht sattsehen, der Beleuchter (Lothar Baumgarte) gibt alles, und was gerade nicht zu sehen ist, bringt die Videoregie (Martin Andersson) mit Hilfe eines umherhuschenden Kameramanns ins Bild. Auch was zu sehen ist, wird gerne noch einmal vergrößert. Video-Hasser kommen voll auf ihre Kosten, könnten aber für dieses Mal auch überlegen, ob das Sinnliche nicht überwiegt und die Dopplung nicht zum Mehr-von-Allem gehört, das zur Oper als Gattung gehört, aber zu Gounods „Faust“ vielleicht ganz besonders.

Das ist also sehr sinnlich, auch sehr nächtlich, und bleibt es selbst beim Osterspaziergang, der hier nicht vom Volk, sondern vom nächtlichen Völkchen bestritten wird. Antibieder geben sich die Kostüme von Adriana Braga Peretzki insgesamt, die Stuttgarter Margarethe brezelt sich derart auf, dass man sich fragt, was Mephisto ihr noch an Schätzen schaffen soll. Auch ist sie einem Opiumpfeifchen nicht abgeneigt und kein Kind von Traurigkeit.

Castorf mag diese Leute, mag sie bis ins Unlogische – Siebel und Frau Marthe werden späterhin einen Lesezirkel gründen –, widmet sich ihnen mit geradezu sentimentalischer Zuneigung. Auch das macht die Einfachheit der Inszenierung aus und hält zugleich die Bilder in Schwung.

Am meisten mag er aber Mephisto, Adam Palka (Rollendebütant wie alle Hauptpartien), der alle teuflischen Varianten vom Vorstadtfilou über den Karnevalsschamanen und Schlangenbeschwörer bis zum Bocksbeinigen durchhecheln darf. Ein Mord aus dem Hinterhalt ist ihm nicht mehr als eine rasche Wendung. Auch die Kamera liebt ihn, lässt ihn in Großaufnahme maunzen und feixen, dass es eine Art hat.

Stimmlich ist er markig und agil, ein wunderbares Pendant zu Atalla Ayans geradezu unerschütterlichem Tenor. Castorf lässt Faust ansonsten einen netten Typen sein, bisschen schlapp, bisschen lax. Mandy Fredrichs Gretchen hingegen vibriert geradezu vor Lebensgier, stabil aber ihr Sopran, der an seine Grenzen muss, um die große Partie zu bewältigen, ohne in gellende Bezirke zu geraten.

Musikalisch hält sich der Abend auf dem sehr guten, diesmal nicht eine Offenbarung anstrebenden Niveau, auf das sich das Stuttgarter Publikum verlassen kann. Marc Soustrots Dirigat lässt einen nicht allzu delikaten Gounod hören, analog zu der letztlich bei allem Aufwand und Einsatz auf ihre Weise ja unkomplizierten Inszenierung.

Staatstheater Stuttgart: 3., 6., 11., 17. November.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare