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Szene aus "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht" von Rosa von Praunheim.

Rosa von Praunheim

Einmal etwas Wunderbares tun

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Rosa von Praunheims toller Theaterabend im Deutschen Theater in Berlin.

In seinem gerade erschienenen Buch „Wie wird man reich und berühmt“ beschreibt Rosa von Praunheim eine Übung, die er mit seinen Studenten gemacht hat, die gerade die Aufnahmeprüfung an der Filmhochschule bestanden hatten: Er ließ sie ein Selbstporträt drehen. Denn: „Wir und unser Leben sind der Quell für alles Kreative“. Das gilt auch für Rosa von Praunheim selbst, und zu seinem 75. Geburtstag hat er sich zusammen mit dem Schauspieler Bo?idar Kocevski und dem Musiker Heiner Bomhard auf die Reise durch seine höchst bewegte Biografie begeben und einen Theaterabend daraus gemacht.

Es ist eine großartige Revue dabei herausgekommen, eine frivole, provokante, lustige, eindrucksvolle und trashige Nummernshow, mit der sich Rosa von Praunheim als warmherzigen, für die Schwulenbewegung höchst wichtigen Regisseur und Menschen hochleben lässt. (Eine andere Übung, die er mit seinen Studenten machte, bestand darin, sie eine Minute lang nur Positives über sich sagen zu lassen.)

Seine Qualität verdankt der Abend Rosa von Praunheims Text, aber vor allem den beiden spiel- und musizierwütigen Darstellern, die noch dazu jung und schön sind und sich unglaublich gut zu verstehen scheinen, so dass man ihnen einfach sehr gerne zusieht. Toll sind sie, wenn es darum geht, das Pathos zu brechen, das durchaus manchmal aufkommt und auch aufkommen soll. Bevor einem die Tränen kommen, muss man schon wieder lachen, weil auf der Bühne Slapstick vollführt wird, Faxen, Quatsch.

Ein gutes Beispiel dafür ist eine Szene gegen Ende, der Rosa-Darsteller Bo?idar Kocevski stellt ein Medium dar, das in einer Talkshow herausfinden soll, wer Rosa von Praunheims Vater gewesen ist. War es ein SS-Mann, der Juden gemordet hat, oder vielleicht ein Jude? Das ist ja alles wirklich möglich, solche Fragen werden Rosa von Praunheim beschäftigt haben. Aber dem Medium hat er den Nachnamen Kopulanski gegeben, es redet einen komischen Dialekt und stülpt sich zu Konzentrationszwecken einen grünen Eimer über den Kopf.

Es ist dies auch ein musikalischer Abend: 21 Lieder erklingen, komponiert hat sie Heiner Bomhard, der nicht nur von einer Rolle in die nächste schlüpft, mal einen katholischen Priester gibt, mal einen Sensemann oder Talkmaster, sondern seine Lieder abwechselnd auf einem weißen Klavier, einem Akkordeon und einer Ukulele begleitet: „Finger im Arsch“, „Sex after Death“, „Glückskinder“ heißen sie. Mit „Analverkehr“ geht der Abend los: „Ein Dildo wühlt in deinen weichen Eingeweiden und lässt dich träumen. Die Prostata singt und tanzt“.

Das ist in bestem Sinn schamlos, und es ist auch eine späte Antwort etwa auf die Frau, der Rosa von Praunheim in einer der vielen Talkshows, in denen er zu Gast war, begegnete, die schwulen Sex als ekelhaft bezeichnete. Das Private ist politisch – dieser Satz der Frauenbewegung trifft auch für die Schwulenbewegung zu. Und das ist ein Thema, das sich durch den ganzen Abend zieht. Aids war nicht nur eine Krankheit, sich mit einem Kondom zu schützen, war nicht einfach eine medizinisch angeratene Gegenmaßnahme und so weiter.

Der Regisseur und seine Darsteller schaffen es, in dem gut zwei Stunden langen Abend wichtige Stationen und Themen des Praunheim’schen Lebens anzusprechen: Sexualität, Freundschaft, Hypochondrie, und nun auch die Furcht vor Alter, die Angst, nicht mehr arbeiten zu können. Auch wichtige Menschen wie die Schauspielerin Lotti Huber kommen vor, Filmausschnitte, von von Praunheim eingesprochene Texte. Es sind echte Fotos zu sehen, sie zeigen von Praunheim als jungen Mann, oder das seiner leiblichen Mutter, die ihn 1942 im Zentralgefängnis in Riga zur Welt brachte und vier Jahre später in den Wittenauer Heilstätten verhungerte.

Auch das Publikum wird einbezogen. Die Männer sollen ihre Penisse entblößen, was natürlich keiner macht. „Tun Sie einmal etwas Wunderbares, dann stirbt es sich leichter“, wirbt die Bühnen-Rosa. Recht hat sie. Der wahren Rosa steht ein sanfter Tod bevor.

Deutsches Theater, Berlin: 26. Januar, 15. Februar. www.deutschestheater.de

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