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Adina Aaron als Amelia im Wiesbadener "Maskenball".

Staatstheater Wiesbaden

Es war einmal in Amerika

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Die Internationalen Maifestspiele eröffnen mit Verdis "Maskenball".

Die Geschichte von Giuseppe Verdis Meisterwerk „Ein Maskenball“ ist durch politische Bedenken mitgeprägt. Immerhin wird das Attentat gegen ein Staatsoberhaupt geplant und erfolgreich durchgeführt. Vom schwedischen König des Originals schwenkte man unter dem Druck der Zensur zu einer Herrschaft auf unverfänglich fernem Terrain um.

Dieser an sich für eine Oper aparte, exotische Bostoner Hintergrund hat schon zu etlichen Dekorationsentscheidungen geführt, so auch jetzt in Wiesbaden. Zur Eröffnung der Internationalen Maifestspiele boten Regisseurin Beka Savic, Bühnenbildner Luis Carvalho und Kostümbildnerin Selena Orb ein Gangster-Stück der Zwischenkriegszeit an. „Boardwalk Empire“ lag darum in der Luft (falls Sie die fabelhafte US-Serie kennen), außerdem viel Nebel. Zur noch nicht übermäßig funkelnden Ouvertüre unter der Leitung von Generalmusikdirektor Patrick Lange lässt es sich auf der Bühne munter an.

Diskrete Herren mit verdächtigen Geigenkästen huschen um ein steiles, düsteres Stadthaus auf der Drehbühne. Page Oscar zeigt sich zwischen Straßenlaterne und Hydrant als Schiebermützen-Lausejunge, über allem schwebt Carol Lombard auf einer verwaschenen Kinoreklame für „Love Before Breakfast“. Das ist stimmungsvoll, auch wenn die Filmwerbung zeitlich nicht hundertprozentig zur kurz vorher aufgehobenen Prohibition passt. Gleichwohl ist anzunehmen, dass das Fass, dessen Inhalt einige Kerle auf polizeiliches Geheiß in die Kanalisation gießen müssen, Alkohol enthalten hat.

Dann aber drehten sich die Verhältnisse ganz um. Während Savic aus der gutaussehenden und nur teilweise unpassenden (nämlich beim besten Willen nicht patriotischen) Umgebung für eine Inszenierung nichts ableiten konnte, nahm die Musik nun einigermaßen Schwung, wenngleich sie nicht überbordete. Man kann es diszipliniert nennen. Aber etwas mehr Spannung und Schmiss wären noch lange kein Humtata gewesen. In den Vordergrund schoben sich aber nach und nach fünf sehr festspielwürdige Solisten bzw. Solistinnen.

Am schwersten tat sich in der Premiere noch der Tenor Arnold Rutkowski als Graf Riccardo, dem doch der italienische Schmelz etwas abging. Umso bewundernswürdiger und zunehmend staunenswerter war es aber, wie souverän er seine Partie absolvierte, kraftvoll, aber nie schreiend. Das Duett mit der fantastischen Adina Aaron als Amelia präsentiert auch ihn als für den Moment praktisch ideale Besetzung. Das ist musikalisch womöglich der Höhepunkt des Abends. Der szenische sind nachher die schrecklichen Minuten, in denen Amelia per Losverfahren den Mörder ihres Geliebten auswählen soll. Hier passt einmal alles zusammen: Die finstere Musik, die rabenschwarze Vorstadtatmosphäre. Auch ist Aaron mit ihrem tiefgründigen, machtvoll ausfahrbaren, Leidenschaft in allen Facetten vermittelnden Sopran eine überzeugende, empfindlich und betroffen wirkende Darstellerin.

Als Dritter im klassischen Verdi-Bunde, Amelias Ehemann Renato, lässt Vladislav Sulimsky einen großen, kultivierten Verdi-Bariton hören. Reizvolle Gegensätze zeigen sich außerdem: Gloria Rehms quecksilbriger Oscar und die unheimlich gelassene, warme Altstimme von Marie-Nicole Lemieux als Ulrica. In Wiesbaden führt sie passenderweise einen halbseidenen Salon, auch hier hat die Ausstattung aber kaum Folgen für eine Regiearbeit. Das Rampensingen kam sicher allen entgegen, auch der wunderbar ausstaffierte Maskenball-Chor in Art-Deco-Ambiente musste sich nur geringfügig, sehr geringfügig bewegen. Riccardo durfte sogar im Stehen singen bis zu seinem letzten Sekündlein, das sich wie immer bei Verdi ein Weilchen hinzog.

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