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Einhundert Dollar Einsamkeit

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Frank Castorf zeigt den „Kaufmann von Berlin“

Von Jürgen Otten

Ganz am Ende, nach vier Stunden Klamauk, wird es still im Saal. Auf der entrümpelten Bühne von Bert Neumann steht die Schauspielerin Bärbel Bolle in der Rolle der Generalin Hilde von Stechow, starrt uns aus ihren großen, trüben Augen ernst an und stellt leise, aber vernehmbar die Frage, die wohl keiner gerne hört, auch nicht in diesem theatralen Kontext. „Na, und, habt ihr euch wirklich verändert?“ Für Sekunden schwebt der Satz wie Nebel durch den Raum, keiner da, der sich melden würde. Bis es eine doch tut: Maria Kwiatkowsky, sie gibt die Reinkarnation der Jessi, schwindsüchtige Tochter des ostjüdischen Schiebers Simon Chaim Kaftan. Und es ist nur ein Wort, das sie ausspuckt: „Mitnichten“.

Das ist harter Tobak. Aber Frank Castorf will das Publikum damit in die Kälte schicken, mit diesem blöden Schuldgefühl. Damit es haften bleibt, klebt er seiner Volksbühnen-Inszenierung von Mehrings Politdrama „Der Kaufmann von Berlin“ einen sarkastisch getünchten Epilog an. Neben Kwiatkowski und Margarita Breitkreiz, der ersten Jessi, erscheint Kaftan, der bei Sophie Rois schon den ganzen Abend in rotzig-schmonzettigen Händen war, und gibt die Parole preis für eine zwar ungewisse, doch zumindest vitale Zukunft: „Na gut, alles zerstört. Scheiß drauf, dann gehen wir eben nach Paris.“ Auf der Fotowand dahinter sehen wir einen Wald mit einem Schild zwischen den Bäumen: „Juden sind in unseren deutschen Wäldern nicht erwünscht“. Vorhang.

Es kann nicht irritieren, dass dieses Stück bei seiner Berliner Uraufführung 1929 für Skandal sorgte. Die Stadt kochte, der Antisemitismus gärte im Schatten des Daseinskampfes. Mit seiner Geschichte eines galizischen Juden, der 1923 nach Berlin kommt, einhundert Dollar Einsamkeit in der Tasche, und bald zu einem einflussreichen Finanzier aufsteigt, bis er von der Deflation gefressen wird, stocherte Mehring bewusst in den Innereien des deutschen Volkes. Doch nicht nur des deutschen: „Der Kaufmann von Berlin“ warf auch auf die innerjüdischen Beziehungen im Moloch ein Licht, das so grell war, dass man ihm sowohl projüdische Propaganda und im gleichen Atemzug antisemitische Agitation vorwarf.

Jetzt kann man fragen: Was hat das mit dem Zustand von Gesellschaft, von Berlin heute zu tun? Haben wir nicht andere Sorgen? Castorf bezweifelt dies, nicht zum ersten Mal. Er sieht die historische Kontinuität von Rassismus, Chauvinismus und seelenfressendem Kapitalismus. Deswegen dieses Stück. Deswegen die Radikalität der Mittel, das Vorlaut-Aufdringliche, das viele Besucher so verstört, dass sie schon zur Pause das Weite suchen.

Allein, sie hätten, wegen des Endes, vielleicht bleiben sollen. Denn von hinten gesehen erklärt sich die Inszenierung. Obwohl der Abend miserabel choreografiert und zudem schwer belastet ist durch all die historischen Exkurse. Sie ist sinnvoll, obwohl das ständige Herumgebrülle der Schauspieler, ihre immer wieder gleichgestaltige Über(re)aktion enervierend ist, trotz der Aussetzer bei Dieter Mann als schmieriger Rechtsanwalt Müller und Volker Spengler als General von Stechow und Wirt (deswegen sei der Name der Souffleuse genannt: Gabriela Anschütz).

Kurzum: Die Inszenierung ergibt politisch Sinn. Weil sie beschreibt, wie pervers der Prozess einer Akkulturation verlaufen kann, und wie verheerend und fremdgesteuert Faschismus auch im Einzelnen entsteht. Mehring hat ja nicht zufällig den Titel gewählt: „Der Kaufmann von Berlin“, und die Tochter Kaftans, Shylocks Bruder im Geiste, Jessi genannt. Shakespeares Venedig und Mehrings Berlin, sie liegen dichter beieinander, als man sich das eingestehen möchte. Und wer die Geschichte des Antisemitismus nur ein wenig kennt, der weiß auch, dass es da eine Konstante gibt.

Allein deswegen muss man diesen im Grunde grotesk verunglückten Abend aushalten. Bis zur Stille ganz am Schluss.

Volksbühne Berlin: 25. November, 11., 16., 25., 29. Dezember, www.volksbuehne-berlin.de

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