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Der große Theaterregisseur Peter Brook, der am 21. März 2015 90 Jahre alt wird.
Der große Theaterregisseur Peter Brook, der am 21. März 2015 90 Jahre alt wird. © dpa

Der große Theatererfinder, der einzige Welttheatermann, den die Bühne hat: Peter Brook zum 90. Geburtstag, eine Würdigung.

Von Dirk Pilz

Er hat einmal davon erzählt, wie es zur Inszenierung von Shakespeares „Sturm“ kam, Ende der 60er Jahre. Man las eingehend Text, hatte bald auch ein Bühnenbild, einen leeren Raum, der Boden mit Erde bedeckt. Aber es blieb stumpf, bloß hergesagt. Was uns rettete, erinnert er sich, war eine Übung, die später zu den festen Probenmethoden gehörte: Sie gingen in den Kellerraum einer Schule. Umringt von gut hundert Kindern improvisierten sie „ganz direkt eine Version des Stückes“. Sie benutzten nur die Gegenstände, die dort umherlagen – und spielten die Geschichte, vor Zuschauern, die das Stück nicht kannten.

„Ziel dieser Übung ist es, gute Geschichtenerzähler zu sein.“ Die Aufgabe des Theater ist es, die Phantasie des Publikums „auf dem unmittelbarsten Wege zu fesseln und nicht mehr loszulassen, dafür zu sorgen, dass die Geschichte von einem Augenblick zum anderen frisch und lebendig wird“. Und der Regisseur braucht dabei etwas, was er eine „formlose Vorahnung“ nennt, eine ganz bestimmte machtvolle Intuition“, eine „Quelle, aus der das Stück ihn anspricht“.

Das steht in dem Buch „Das offene Geheimnis“ von Peter Brook geschrieben, neben „Der leere Raum“ wahrscheinlich eines der meistgelesenen Theaterbücher überhaupt, wie Brook zu den meistbewunderten Regisseuren des Gegenwartstheaters gehört. Sein gesamtes Schaffen hat Brook aus diesem offenen Geheimnis geschöpft, aus einer Quelle, die keine Äußerlichkeiten kennt. Die wichtigste Fähigkeit des Regisseurs ist die des Hinhörens, des Hinschauens, des Hineinlauschens ins Spiel, sagt Brook. Nichts einfacher als das, nichts schwerer.

Peter Brook wurde in London geboren. Er studierte Vergleichende Literaturwissenschaften und war sehr schnell fertig damit. „Dr. Faustus“ wurde seine erste Theaterinszenierung, das war 1943, noch während des Studiums. Er hat danach sehr viel Shakespeare inszeniert, auch viele Zeitgenossen, Jean Genet, Friedrich Dürrenmatt, Peter Handke, Peter Weiss. „Titus Andronicus“ (1955) mit Laurence Olivier und Vivien Leigh machte ihn berühmt. Mehr als 60 Inszenierungen vor allem für das Theater, daneben auch für die Oper und die Leinwand hat er erfunden, und immer ging es ihm darum, den Menschen zu erforschen, den Schauspieler in seinen tausendfachen Weisen, ein Mensch zu sein.

Die Kraft des schieren Spiels

1962 wurde er Direktor der Royal Shakespeare Company, gründete danach im Lambda Theatre Club seine erste experimentelle Gruppe, ließ bald im leeren Raum spielen, verzichtete auf alles Dekorative und Effekthascherische, verließ 1970 England, setzte in Paris das „Centre International des Recherches Théâtrales“ (C.I.R.T.) ins Leben, arbeitete mit einer internationalen Gruppe und suchte nach Theaterwegen, die sich von der Sprache emanzipierten, ließ sich schließlich am Pariser Theater „Bouffes du Nord“ nieder. Peter Brook: der einzige Welttheatermann, den die Bühne hat, gerade weil er ohne Konzept im Kopf arbeitet, weil er auf die Kraft des schieren Spiels vertraut.

Das war nicht immer überrumpelndes Theater. Vor zwanzig Jahren sah ich seine Inszenierung von Samuel Becketts „Glückliche Tage“, mit seiner Frau Natasha Parry in der Hauptrolle. Ich verließ das Theater damals ratlos, auch verärgert, so minimalistisch, reduziert war das Spiel. Aber ich habe noch immer schärfste Bilder dieses Abends in Erinnerung, wie sie den Arm hob, wie sie den Kopf senkte.

Wahrscheinlich ist das Theater Brooks am besten mit geglückten Gedichten zu vergleichen: Sie leben von ihrer Musikalität, vom Rhythmus. Jeder Vers ruht in sich selbst, und was die Worte und Geschichten bedeuten mögen, weiß man erst Jahre später, wenn überhaupt. Aber man muss es nicht wissen, das ist das Schöne daran. Bei Brook ist der Zuschauer nie Botschaftsempfänger, immer Mitmensch.

Am heutigen Samstag wird Peter Brook 90 Jahre alt. Wir gratulieren von Herzen.

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