Alte Oper

Mit einem Hauch von Allegretto grazioso

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Mirga Grazinyte-Tyla mit ihren Musikern aus Birmingham und Kit Armstrong in der Alten Oper Frankfurt.

Dirigentinnen sind immer noch eine solche Rarität auf großen Konzertbühnen, dass auch der Auftritt von Mirga Grazinyte-Tyla im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt mit einem diskreten und wohlwollenden Ah und Oh einherging. Dann floss der Main aber nicht aufwärts, sondern es wurde bloß ein sehr beeindruckendes Konzert.

Die 32-jährige Litauerin Grazinyte-Tyla ist seit der Spielzeit 2016/17 Musikdirektorin des City of Birmingham Symphony Orchestra, das sich beim Pro-Arte-Konzert nun in ausgezeichneter Verfassung zeigte – noch überraschender als die exzellenten Bläser (zum Beispiel die nachher bejubelte Solooboe) womöglich die Streicher, die sich weit über das erhoffte und fast schon gewohnte sämig homogene Spiel hinaus zu intrikaten Genauigkeiten und unfassbaren ätherischen Zartheiten bewegen ließen.

Das machte vor allem die viel zu oft gespielte 2. Sinfonie von Johannes Brahms nach der Pause zu einem Erlebnis, mit einem Beginn so komplex, dass man hellwach bleiben musste, und mit einem Hauch von Allegretto grazioso. Und dass der Lautstärkekontrast im 4. Satz zunächst etwas plump wirkte, lag allein daran, dass auch er so unheimlich leise, flirrend und behänd begann. Unter Vermeidung von Pauschalitäten und Routinen, schien es, war jede Note und jede Wendung vorab auf dem Prüfstand gewesen. Zum offenbar perfekt Eingespielten zwischen Dirigentin und Orchester gehörten Grazinyte-Tylas minutiöse und trotzdem nicht pedantische Bewegungssprache. Nicht immer wird stumme Einigkeit so sichtbar.

Zum offenbar perfekten Eingespieltsein gesellte sich zuvor die problemlose Integration des Pianisten Kit Armstrong, der die erkrankte Solistin Yuja Wang ersetzte, ohne dass das Programm geändert werden musste. Der Umgang des Orchesters mit Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll war äußerst lebhaft, Rhythmus, Drive und Jazz lagen in der Luft, der junge Amerikaner immer munter dabei. Als Zugabe spielte er reizenderweise François Couperins Wiegenlied „Le dodo“ und streifte damit den Nimbus des Einspringers endgültig ab. Denn zu Beginn gab es Maurice Ravels „Le Tombeau de Couperin“ in der Orchesterfassung, zauberhaft impressionistisch dargeboten, wie überhaupt auch die durchaus nicht impressionistischen Komponisten des Abends sich von ihrer impressionistischen Seite zeigten.

Man könnte sich gewöhnen

Dirigentinnen sind immer noch eine solche Rarität auf großen Konzertbühnen, dass auch die Doppelung etwas Spektakuläres hat, wenn nämlich heute erneut – aber man kann nicht gut sagen: schon wieder – eine Frau hier stehen wird: Die Finnin Susanna Mälkki, die die beiden HR-Sinfoniekonzerte am Donnerstag und Freitag leitet. Es hat aber bisher nicht den Anschein, als müssten Männer darum um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt fürchten. Es gibt auch keinen Grund zur Sorge, dass über nichts anderes mehr gesprochen werden wird. Wenn man Gelegenheit bekommt, sich daran zu gewöhnen, gewöhnt man sich daran und wendet sich anderen Dingen zu.

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