+
Geduscht und bereit für neue Gedanken: Jürgen Holtz mit Stefanie Reinsperger.

Galileo Galilei

Eine Welt löst sich vom Haken

  • schließen

Castorf inszeniert Brechts "Galileo Galilei" im Berliner Ensemble. Jürgen Holtz in der Titelrolle ist ein Ereignis.

Von den sechs Stunden, die die neue Inszenierung von Frank Castorf bei der Premiere am Samstag im Berliner Ensemble dauerte, können diesmal vielleicht zwei empfohlen werden. Diese aber sind ein Ereignis. Leider kann man sich zur Erleichterung der Abendplanung weder den Anfang noch das Ende sparen, wie es manchmal der Fall ist, weil sich der Meister entweder erst einmal in Schwung bringen muss oder selbigen zu früh verliert; nein, diesmal hängt und labbert und nervt in aller Pracht das schwere, lange Mittelstück. Beide – Anfang und Ende von „Galileo Galilei. Das Theater und die Pest“ von und nach Bertolt Brecht mit Musik von Hanns Eisler – gehören dem 86-jährigen Bühnenkünstler Jürgen Holtz, der die Titelrolle spielt. Setzte man beide zusammen und überließe sich zwischenzeitlich einem vierstündigen Schlaf, einem würde schwindlig werden wegen des Absturzes einer Figur, es ist die einzige, die sich an diesem Abend entwickeln darf – alle anderen schlagen jeweils einen Ton an und bimmeln durch: wie die immer wieder mit der Penetranz des religiösen Eifers oder mit der Ekstase der Panik geläutete blecherne Glocke des im Bühnenhintergrund unter einem schiefen Neonkreuz stehenden Campanile.

 Holtz hat viele Töne, und Castorf gibt ihm den Raum, sie zu suchen, zu halten, abzuschmecken, abzuschicken, ihnen hinterherzudenken. Mag sein, dass einige der Pausen dem Lauschen nach der Souffleuse geschuldet sind, aber das macht überhaupt nichts, sondern fügt dem Vorgang der Sinnsuche, des Begreifens – und am Ende des Resignierens – etwas hinzu: eine Unsicherheit, eine Furcht vor der Wahrheit und vielleicht davor, ihr nicht gerecht zu werden. Es ist, als sei die Souffleuse Christine Schönfeld ein Teil des Galilei’schen Gehirns, man hätte sie gern auf der Bühne gesehen, aber das ist ja inzwischen auch ein abgegriffener Regieeinfall.

Der Beginn ist frei von Furcht, ein Befreiungsschlag. Der Mittvierziger Galilei ist gerade dem Bette entstiegen, seine Haushälterin Frau Sarti – mit lebendiger Wucht von Stefanie Reinsperger auf die Bühne gedonnert – zieht ihm das Nachthemd über den Kopf, reibt sich mit eingespielter Zuvorkommenheit ein wenig an dem splitternackten Körper Galileis, was diesem ebenso zur Freude gereicht wie der Morgenduschen-Wasserschwapp, der ihm aus dem Bühnenhimmel auf die Glatze platscht – und wie der Gedanke an das Kepler’sche Weltbild, das er seinem Lieblingsschüler Andrea Sarti erklärt (in passender und mutiger Unfertigkeit hergestolpert von Frank Castorfs Sohn Rocco Mylord): Das neue Weltbild sprengt die „Mauern und Schalen und Unbeweglichkeit“ weg, rückt die Erde, die Kirche, den Menschen aus dem Zentrum, macht in der Unendlichkeit zugleich einen jeden zum eigenen Mittelpunkt. „Der Papst, die Kardinäle, die Fürsten, die Gelehrten, Kapitäne, Kaufleute, Fischweiber und Schulkinder glaubten, unbeweglich in dieser kristallenen Kugel zu sitzen. Aber jetzt fahren wir heraus, Andrea, in großer Fahrt. Denn die alte Zeit ist herum, und es ist eine neue Zeit.“

In dem Moment kann man einen sanften Ruck im Berliner Ensemble spüren, mit dem sich das Haus wie eine Welt von einem Haken löst und in den Raum trudelt. Was der nackte, vom Alter würdig verbeulte und gefaltete, munter mit seinen Gliedmaßen schlenkernde Holtz da einströmen lässt, das schnuppert man und das weht einen an: „Den gefeiertsten Wahrheiten wird auf die Schulter geklopft; was nie bezweifelt wurde, das wird jetzt bezweifelt. Dadurch ist eine Zugluft entstanden, welche sogar den Fürsten und Prälaten die goldbestickten Röcke lüftet, so dass fette und dürre Beine darunter sichtbar werden, Beine wie unsere Beine.“ Beim Pressegespräch vor der Premiere hat Castorf ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es nicht seine, sondern Holtz’ Idee war, Galilei nackt sein zu lassen wie einen Neugeborenen. Das macht die Idee fast noch besser. Die Nacktheit ist der Ausdruck einer seelischen, geistigen und körperlichen Pracht, für die es nie zu spät ist im Leben.

Am Schluss – nachdem Galilei Beweise für das neue Weltbild gefunden und vor der Kirche widerrufen hat – steckt der um Jahrzehnte Gealterte in einem schwarzen Kittel, rückt sich einen Stuhl an die Rampe und findet – natürlich wieder dank der Souffleuse, die den Brecht-Text zur Hand hat – die bittersten Worte für seine Niederlage. Man denke sich im folgenden Zitat für jeden Gedankenstrich ein Urteil und ein Sterben: „Wie es nun steht,“ – „ist das Höchste,“ – „was man erhoffen kann,“ – „ein Geschlecht erfinderischer Zwerge,“ – „die für alles gemietet werden können.“ – „Ich habe meinen Beruf verraten.“ – „Ein Mensch, der das tut, was ich getan habe,“ – „kann in den Reihen der Wissenschaft“ – „nicht geduldet werden.“ – „Richtig.“ Dann gibt es eine weitere Pause, in der nicht die Freiheit, sondern die Leere des Universums zu Hause ist, bevor sie mit dem Schlusssatz zusammenschnurrt: „Ich muss jetzt essen.“

Es zuckt in der Zuschauerseele

Gegen das, was auf einem Quadratzentimeter des Holtz-Gesichts passiert, setzt Castorf seine wuchtige Bühnensprache der finster-erotischen, verzweifelt-kichernden Entäußerung, die er hier aber routiniert wie ein Fitnessprogramm abfordert. Eine einzige von der Holtz-Glatze aufgestiegene Gedankenschnuppe ist längst verglüht, wenn Castorf seine assoziierenden Texteinflechtungen hinterherjagt, die bei allem Pathos, allem Druck und aller Blechglockenlautstärke illustrativ und bildungshuberisch bleiben. Tolle Texte! Artauds „Das Theater und die Pest“ oder „Schluss mit dem Gottesgericht“. Man möchte sie in Ruhe nachlesen, weil man ihnen schlecht folgen kann, wenn man permanent auf einem Ton damit angeschrien wird, oder wenn einem der Regisseur die eigene Angeödetheit vorführt, indem er die Texte, die ihm auf er Probe über geworden sein mögen, lustig wegnuscheln lässt.

Natürlich zuckt es in der Zuschauerseele, wenn Andreas Döhler seine Jungsverzweiflung über die gottleere Welt herausweint, wenn Stefanie Reinsperger Scheiße aus dem Eimer frisst, ihre Zähne in Pestabszesse oder in Artaud-Text schlägt, wenn Aljoscha Stadelmann seine rattenhafte Berlinfressigkeit als Folterknecht vorführt. Aber alles scheint nur ein Echo früherer Castorf-Entdeckungsreisen und -Entgleisungen zu sein. Die Galilei-Tochter Virginia (Sina Martens) und der Medici-Spross Cosmo (Bettina Hoppe) sind eher der Vollständigkeit halber mit Monologen ausgestattet worden. Selbst die Nerven, auf denen die Manieristen Michael Wolfgang und Jeanne Balibar herumreiten, sind schon tot. Wobei Balibar als Castorfs Lebensgefährtin mit ihrem französischen Akzent sehr viel, unter anderem lateinischen Text in sehr vielen Rollen, unter anderem als Galilei-Doppelgängerin abzuarbeiten hat, womit der Regisseur wer weiß was ausagiert und die Geduld des Publikums aufs Äußerste strapaziert.

Und auch das Bühnenbild von Aleksandar Denic – wieder ein verdichtetes Konglomerat von aufgestapelten Spielorten mit integrierten Videoleinwänden – fällt in dieser Inszenierung auseinander: oben ein kleiner Palazzo Prozzo, seitlich eine Zeltkrypta mit honorigen Ledermumien oder Pestleichen, hinten eine Streckbank für ironisch-kirchenkritische SM-Einlagen. Beherrscht wird es allerdings von einem kalt im Nebel leuchtenden Holzteleskop, das in Form und Ausmaßen an einen sowjetischen Raketenwerfer erinnert – Katjuscha oder Stalinorgel genannt. Auch so eine folgenreiche Erfindung.

Berliner Ensemble: 26., 27. Januar, 10., 16. Februar. www.berliner-ensemble.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion