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Mit Tobias Gabel durchs Senckenberg.

Frankfurt

Eine vergessene Prophetin sexueller Diversität

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Das Festival „Implantieren“ bietet eine jedenfalls anregende Führung im Senckenbergmuseum.

Kommen Sie mit mir. Wie die Gänse von Konrad Lorenz.“ Solche kleinen Scherze hat dieser Mann andauernd parat. Wie ein Professor im Hörsaal, der lustig sein will.

Überall, bloß nicht im Theater: So lässt sich das Programm des auf lokale Künstler fokussierten Festivals „Implantieren – site specific performance festival“ auf den Punkt bringen, das von dem unabhängigen Tanz- und Performancenetzwerk ID Frankfurt den September hindurch an verschiedenen Orten ausgerichtet wird. Anna Schewelew, geboren 1984 in Tadschikistan, ist Absolventin des Studiengangs für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, heute lebt sie im kalifornischen Santa Barbara. Für ihre Arbeit „Homo Mutans, Homo Luminens“ geht es ins naturkundliche Museum Senckenberg. Eine Gruppe von zwanzig Personen wird im Vestibül mit Kopfhörern ausgestattet. Was diese Aufführung von einer Museumsführung unterscheidet? Nichts.

Der mit einem Jackett über den Jeans und einer Baumwoll-Umhängetasche (Aufschrift: „ZKM Karlsruhe“) schluffig universitär ausstaffierte Mann mit den Scherzen stellt sich als der Historiker und Anglist Tobias Gabel vor. Er ist hier als „Performer“ ausgewiesen, die Identität jedoch ist authentisch. Ob es sich bei seiner scheinbar freien Rede womöglich um einen genau fixierten Text handelt, bleibt offen.

Zunächst geht es in ein enges Kabinett mit den Bildern und Büsten der Gründer des Museums. Alles Männer. Mit einer Ausnahme – kleines Suchspiel! -, der Mäzenatin Gräfin Louise von Bose. Von dieser Ausnahmefrau kommt der Führer schnell zu der Person, um die es eigentlich gehen soll. Anfang der siebziger Jahre hat die 1981 verstorbene ungarisch-englische Humanethologin Charlotte Bach in einer nie publizierten 500-seitigen Abhandlung die gegendarwinistische These dargelegt, derzufolge der Drang zum Wechsel des Geschlechts die treibende Kraft bei der Evolution sei. Diese These gilt gewiss nicht als der anerkannte Stand der Wissenschaft; das Interesse der britischen Gay Liberation Front freilich war der Prophetin einer sexuellen Diversität sicher.

Vor den Vitrinen mit den Präparaten der entsprechenden Tiere erfährt man viel interessantes über Geschlechtswechsel, Zwitterwesen und Jungfernzeugung im Tierreich. Dass es sich beispielsweise bei dem Echten Clownfisch – sehr populär dank „Findet Nemo“ – um einen frequentiellen Hermaphroditen handelt, dürfte wenig bekannt sein.

Gleichsam als Schlusspointe legt Gabel vor einer Vitrine mit Singvögeln Fotografien am Boden aus: Sie belegen den allmählichen, mit vielen Schicksalsschlägen verbundenen Geschlechtswechsel von Karoly Hajdu, Jahrgang 1920, einem ungarischen Exilanten, der ob seiner Kollaboration mit den Nationalsozialisten 1948 sein Heimatland hatte verlassen müssen und nach London gegangen ist, zu Charlotte Bach.

Dieses dokumentarisch-biografische Theater hat Charme. Man ist hinterher ein wenig klüger mit Blick auf ein interessantes Kapitel fernab des wissenschaftlichen Mainstreams.

Festival „Implantieren“:
bis 30. September. id-frankfurt.com

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