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Sarah Grunert, Stefan Graf und Anna Kubin. Nicht im Bild: Sebastian Reiß.

Frankfurter Schauspiel

Heiner Müllers „Quartett“: Eine Stunde in den Bunker blicken

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Heiner Müllers „Quartett“, vom Frankfurter Schauspiel nachtschwarz und recht friedlich gezeigt.

Heiner Müllers „Quartett“ tritt in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels ohne Brüskheit an das Publikum heran und mit sprachlicher Präzision, aber nicht mit sprachlichem Fanatismus. Der 1979 in Belgrad geborene Miloš Lolic, der hier vor zwei Jahren Jelineks „Am Königsweg“ inszenierte, lässt die Figuren, in der Tat ein Quartett, heranschleichen, besser: sich heranarbeiten, denn die Kostüme sind ein wenig beschwerlich.

In nachtschwarzen Vampirfilm-Barock ist alles getaucht. Sarah Grunert, Anna Kubin und Stefan Graf tragen opulente schwarze Damenkleidung mit Lackschimmer – im Innenfutter der Röcke blühen die prächtigsten Blumen, wie in freundlicher erotischer Symbolik, aber auch als Dekoration nachher ausführlich zu sehen ist. Nur Sebastian Reiß ist als Mann gekleidet. Dennoch teilen sich Graf und Reiß zuweilen die Rolle des teils im Spiel, teils nicht im Spiel gedemütigten Mannes, ohnehin ist die Geschlechtszugehörigkeit hinter Schminke und Perückenaufbauten nurmehr scheinbar gesichert.

Schauspiel Frankfurt,  Kammerspiele: 2., 3., 23. Februar. www.schauspielfrankfurt.de

Wie in der Romanvorlage von Choderlos de Laclos von 1782 stehen jedenfalls (ohne feste Rollenzuschreibung) drei Frauen (neben der Merteuil noch Cécile de Volanges und Madame Tourvel als die beiden Intrigenopfer) und ein Mann (der Valmont) bereit, um „Gefährliche Liebschaften“ zu inszenieren bzw. zu erdulden: von Müller ins Intellektuelle, sexuell Überdeutliche und auch Groteske gesteigert.

Die Orts- und Zeitangabe „Salon vor der Französischen Revolution / Bunker nach dem dritten Weltkrieg“ wird nicht nur in den Kostümen von Jelena Miletic ins Bild gesetzt. Hyun Chu hat an der Rückwand des unbehaglichen Bühnenraums auch Pseudoventilatoren angebracht, deren Blätter illuminiert werden und im Rotieren anstrengende Muster erzeugen können. Es ist unwahrscheinlich, dass der Bunker – zweifellos ist das ein Bunker – dadurch belüftet werden kann. Jung An Tagen nennt sich der Musiker, der den beunruhigenden, aber nicht unangenehmen Zupf- und Blubbersound dazu liefert.

Das Personal, bei dem es sich um eine Gesellschaft von halbwegs quirligen, einander bestens vertrauten Untoten handelt, zeigt kein gesteigertes Stressempfinden. Es rappelt sich von hinten auf die Spielfläche, die als Mann gekleidete Figur kommt erst dazu und verschwindet am Ende auch wieder. Die vier murmeln und plappern sich ins Geschehen, es entsteht der Eindruck, dass das alles schon eine Weile so geht, nur wir wurden erst jetzt zugeschaltet. Von der von Müller geplanten Gegnerschaft des Paares Valmont und Merteuil ist durch die Quartettanordnung nichts zu spüren. Das nimmt dem Text die schlanke Aggressivität, aber natürlich auch eine gewisse Offensichtlichkeit, an deren Stelle freilich eine vergrößerte Unverbindlichkeit tritt. Da die Frankfurter auf eine Stunde kommen, ist es gleichwohl ein Vergnügen, dem Ausstattungstheater und kunstvollen Spiel der vier zuzuschauen.

Grunert, Kubin, Graf und Reiß lassen selten voneinander. Sie sprechen im Chor, zu dritt, zu zweit, alleine, sie plaudern und sie wispern, und Grunert braucht keine technische Unterstützung, um ihre Stimme auf schneller und noch schneller zu stellen. Sie spielen, sie wären bloß Automaten, und ihre Köpfe bewegen sie gerne ruckartig nach Art von Hühnern. Sie verflechten sich ineinander und docken an, krallen sich fest, weichen vergeblich zurück. Sie bilden gutaussehende Tableaus, nehmen pseudoakrobatische Stellungen ein und wiederholen sie, alles in gemäßigtem Tempo. Sex und Gewalt, Unterwerfung und Lust, hier in äußerst sublimierter Form auftretend, werden zu Routine. „Die Qual zu leben und nicht Gott zu sein“, ist zu erahnen, aber sie weht vorüber wie alles hier.

Der Rest ist Theorie. Und die Krankheit, die Müller schon fünfzehn Jahre vor seinem Krebstod der Merteuil in den Mund legt. Den vier auf der Bühne fällt stattdessen unendlich langsam das Dach auf den Kopf.

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