+
Die Kessel-Buntes-Bühne in Müllers „Umsiedlerin“ am Deutschen Theater Berlin.

Deutsches Theater

So eine lustige Agitprop-Show

  • schließen

Jürgen Kuttner und Tom Kühnel bieten in ihrer Berliner „Umsiedlerin“ dünne, aber grell gelackte Ironie an.

Klassenkampfkomiker mit bunten Kappen, ein Chor von Neubauern mit roten Fahnen, Sinnspruchabsonderungen in gebrüllten Blankversen? Noch einmal umgeguckt, ja, wir sind in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, noch einmal das Datum gecheckt, ja, es ist der 6. April 2019, und der Blick auf den Programmzettel bestätigt: Das da vorn soll eine dieser lustig aggressiven Agitpropshows des Regieduos Jürgen Kuttner und Tom Kühnel sein. Im Deutschen Theater Berlin kommen die beiden alljährlich mit einer neuen anachronistisch-heimatkundlichen Dubiosität heraus. Diese Fanveranstaltungen, mit denen das DT sich seiner weniger populären DDR-Tradition entledigt, sind selbst schon liebe Tradition.

Diesmal also Heiner Müllers „Die Umsiedlerin. Das Leben auf dem Lande“ – der „größte Theaterskandal der DDR“ (Hatten die beiden den Superlativ nicht schon 2010 benutzt, als sie mit einer Neuinszenierung von Peter Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“ am DT debütierten?)

Wenn man das Stück über die Bodenreform heute liest, wundert man sich. Müller stellte den Umgang mit den Zensoren im Nachhinein als Jungenstreich hin, als hätten es die Behörden aus Versehen so weit kommen lassen. Mag sein. Aber wenn eine derartig deutliche Kritik an den Verhältnissen überhaupt ausprobiert werden konnte und im Mauerjahr 1961 tatsächlich, wenn auch unter organisiertem Protest, ans Licht kam, war die untergegangene Republik vielleicht doch keine nur dunkle und diktatorische, wie die Abkürzung für manchen Nachgeborenen heute nahelegen könnte.

Finster und unfrei genug war sie allemal. B.K. Tragelehn inszenierte die Uraufführung im Auftrag des Deutschen Theaters, die Arbeit wurde nach einer Versuchsaufführung in der Hochschule für Ökonomie in Karlshorst verboten. Tragelehn flog aus der Partei und musste sich im Tagebau bewähren, Müller wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Die Sache mit dem Kommunismus war für die Künstler dennoch nicht entschieden.

Wo bleiben heute, fast sechzig Jahre nach der Uraufführung und dreißig Jahre nach dem Haken, den die Geschichte hinter die DDR gemacht hat, die Brechungen? Wo Kuttner-Kühnels doppelte Böden? Und was einem da so permanent ins Gesicht latscht – soll das ihr böser Witz sein, ihr von Hass und Sarkasmus auf die ideenlose Gegenwart angetriebener Furor, der einem das Lachen in den Hals rammt, damit es dort steckenbleibe? Wo ist er hier eigentlich geblieben, der Unterschied zur nostalgisch verschmunzelten Folklore?

Wenn man nicht aufpasst, wähnt man sich wie durch einen bösen Zeitzauber in eine Show des Fernsehens der DDR zurückversetzt. Die Kessel-Buntes-Bühne besteht aus drei einander überschneidenden Rundpodesten, die Jo Schramm mit schwarz-weißer Auslegware sowie Sonnenstrahl- und Ährensymbolen, später auch mit einem niedlichen Trecker dekoriert hat. Statt von einer munteren Helga Hahnemann wird man von einem melancholischen Kuttner in einem ebenfalls schwarzweißen Anzug und mit geölten Dorfgigolo-Locken unterhalten.

Und statt einer DDR-Combo bekommen wir gleich zum Auftakt das westdeutsche Schlagerehepaar Nina und Mike aus dem Jahre 1971 eingespielt: „Was wird sein in sieben Jahren“. Darin geht es, typisch Spießerwessis, um die Liebe zwischen Mann und Frau in den nächsten hundert Jahren – anders als im Original von Zager und Evan, „In the Year 2525“, das Jahrhunderte vorausschaut und die schwarze Zukunft einer von Robotern und Drogen sedierten Menschheit ausmalt. Ein typisches Beispiel für die sozialdemokratische Verwohnzimmerung gesellschaftskritischer Dystopien, die Kuttner so gern in seinen Videoschnipsel-Abenden anprangert.

Die Frage, wozu man hier um Gottes Willen gebeten ist, führt aber auf noch flachere Glatteisschichten der Orientierungslosigkeit. Dann glaubt man sich ins Berliner Ensemble vor zehn Jahren versetzt. Es fehlen wirklich nur noch die weißgeschminkten Gesichter mit den roten Nasen, dann hat man eine typische, von tapferen Schauspielern exekutierte Regiearbeit aus Claus Peymanns später, unfreiwillig satirischer Hans-Dampf-Phase vor sich. Aus dieser Schreckensvision kommt man dann nicht mehr heraus. Die dünne, aber grell gelackte Ironiefirnis der Kühnel-Kuttner’schen Geschichtsstunde hält einem das Kranke der Gegenwart sicher vom Leibe. Die inneren Zensoren dürfen beruhigt schlafen.

Deutsches Theater,Berlin: 14., 19. April, 6., 14., 20. Mai. www.deutschestheater.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion