Staatstheater Darmstadt

Eine Liebe im Prekariat

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Tim Plegges überzeugende und nuancierte Tanz-Version von Molnárs „Liliom“ im Staatstheater Darmstadt.

Ein Hallodri, der trotzdem schnurstracks in den Himmel darf – und sogar für einen Tag zurück auf die Erde: Ferenc Molnárs Prekariatsgeschichte „Liliom“, 1909 geschrieben, gefiel zwar dem Budapester und Berliner Publikum zunächst nicht, war dann aber ein immenser Erfolg. „Liliom“ wurde verfilmt, am Broadway gezeigt, von Rodgers und Hammerstein zum Musical umgearbeitet. Fußballfans singen bis heute den etwas schnulzigen Schlusssong „You’ll Never Walk Alone“, als sei er für ihren Club geschrieben.

Vom Musical „Carousel“ und seiner Musik hält Tim Plegge Abstand in seiner Tanzversion von „Liliom“, die das Hessische Staatsballett nun im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt uraufführte. Eine einleuchtende, die Entstehungszeit des Stücks aufrufende Musikmischung von Rachmaninow über Schostakowitsch bis Schnittke und Martinu, gespielt vom Staatsorchester unter der Leitung Michael Nündels und mit Kai Adomeit am Klavier, fügt sich hier nicht nur gut zueinander, sondern auch atmosphärisch aufs Beste zur Choreografie.

Auf einem Rummelplatz spielt „Liliom“ zunächst, als Frauenheld und Hansdampf in allen (Fahrgeschäft-)Gassen soll der Protagonist Besucher und -innen beischaffen. Andreas Auerbachs Bühne kommt mit einem halbrunden hohen Bretterzaun aus – wenn man einen Teil davon dreht, ist die karge Wohnung von Liliom und Julie angedeutet -, dazu mit drei Lichtspeichenkreisen wie von Riesenrädern und zwei, drei Autoscootern in einigen Szenen. Judith Adams Kostüme zitieren die 30er Jahre, aber auch frühen Jeanslook. Lilioms Tochter Luise trägt dann bereits Hot Pants.

Es ist ja eigentlich eine ziemlich tragische Geschichte, die hier erzählt wird, von einem jungen Mann, der sich selbst tötet, während seine Freundin schwanger ist. Andererseits gibt es ein absurd anmutendes „Amt für Todesangelegenheiten“. Und einen Stern klauen kann man in diesem Himmel auch. Tim Plegge erzählt also zum einen in durchaus erwartbarer Form von Lilioms Liebe zu Julie, vom Stress mit seiner Chefin und Geliebten Frau Muskat, vom etwas diabolischen Kumpel Ficsur. Andererseits hat er sich für ein anfangs vom Himmel einschwebendes, immer wieder auftretendes Gendarmenpaar entschieden, das höchst ulkig auftanzt. Unmittelbar stellt sich die Assoziation an den französischen Komiker Louis de Funès in seinen Polizistenrollen ein; auch weil Plegge zwei kleine Tänzer für die Gendarmenrollen ausgesucht hat, Masayoshi Katori und Gaetano Vestris Terrana. (Als die, die den Spaß liefern, bekommen sie am Ende einen Extraapplaus.)

Wie bereits in anderen Handlungsballetten, „Kaspar Hauser“ oder „Sommernachtstraum“, beweist Tim Plegge einmal mehr, dass er Bewegungen so zu variieren und einzufärben versteht, dass daraus Stimmungen und Charakterzüge sichtbar werden. Zwischen dem chaplinesken Hampeln der Polizisten, dem sexy, manchmal dominaartigen Stöckeln Frau Muskats (Margaret Howard) und den aggressiven, spitzen Sprüngen Ficsurs (Ramon John) liegt eine beeindruckende Bandbreite, ebenso zwischen der Schläppchen-Lässigkeit der Unterschicht und einer Ballszene zur Hochzeit von Marie und Wolf (Aurélie Patriarca und Taulant Shehu), in der die Tänzerinnen Spitzenschuhe tragen. Trotzdem sind auch darin die Bewegungen leicht modern aufgeraut.

Nach der Pause (mit der der Abend zweieinviertel Stunden dauert), bietet der Choreograf eine ganze himmlische – und satirische – Politessen-Truppe auf. Clémentine Herveux gibt mit blonder Perücke und Sonnenbrille im Jenseits die coole „Konzipistin“, der Liliom sein verpfuschtes Leben beichtet. Immer wieder muss er sich zur Strafe ansehen, wie er Julie ohrfeigt. Denn das ist auch eine Geschichte von einem Mann, der aus Frust die Partnerin misshandelt.

Tim Plegge zeigt auch die hässliche Seite Lilioms mit Klarheit. Und die Darsteller von Liliom, Daniel Alwell, und Julie, Sayako Kado, ermöglichen alle Nuancen, die sich der Choreograf ausgedacht hat: Von einer ersten zärtlichen Verliebtheit – hinreißend, wie die beiden eine Sitzbank umtanzen -, über die ungerechte Wut des arbeitslosen jungen Mannes, bis zu einem melancholischen Abschieds-Pas-de-deux, als Liliom bereits tödlich verletzt ist. Da steckt die große berührende Liebe ebenso drin wie die Tiefen einer von materieller Not geprägten Beziehung. Verdienter Jubel am Ende für die zwei Hauptdarsteller und Frühlingsblumen für Sayako Kado.

Staatstheater Darmstadt: 28. Februar, 14. März, 17. Mai. Staatstheater Wiesbaden: 4., 7., 14., 19., 26. April.

www.hessisches-staatsballett.de

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