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Edgar M. Böhlke vor dem Schauspiel Frankfurt.
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Edgar M. Böhlke vor dem Schauspiel Frankfurt.

Schauspiel Frankfurt

Edgar M. Böhlke zur Mitbestimmung: „Eine große Energie hat sich aufgebaut“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Der Schauspieler Edgar M. Böhlke über den kühnen Frankfurter Mitbestimmungsversuch am Schauspiel Frankfurt vor fünfzig Jahren.

Herr Böhlke, vor fünfzig Jahren begann mit dem Mitbestimmungsmodell an den Städtischen Bühnen in Frankfurt ein künstlerischer und politischer Aufbruch, der über Deutschland hinaus Beachtung fand. Sie waren als junger Schauspieler beteiligt. Waren sie etwa deshalb zum Schauspiel Frankfurt gekommen?

Nein, mich hat der Regisseur Hans Neuenfels damals nach Frankfurt geholt. Er hatte mich am Wuppertaler Theater entdeckt, wo ich in „Der Stern wird rot“ von O’Casey unter seiner Regie gespielt hatte. Mit mir kamen der Schauspieler Christian Redl und der Dramaturg Horst Laube von Wuppertal nach Frankfurt. Der Kern des neuen Frankfurter Ensembles Anfang der 70er Jahre aber stammte aus Stuttgart vom dortigen Staatstheater.

Das Mitbestimmungs-Modell an den Bühnen war vom damaligen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD) entwickelt worden. Er wollte, wie er 1971 sagte, „die Allmacht der Intendanten brechen“, die am Schauspiel und an der Oper in Deutschland seinerzeit alleine das Sagen hatten. Hatten Sie diese Allmacht auch erlebt?

Ja, die hatte ich erlebt. Diese Allmacht gab es und es gibt sie auch heute noch an den Bühnen in Deutschland. Am Theater in Wuppertal bestimmte allein der Generalintendant Arno Wüstenhöfer, er entschied, was die Rollen und die Regisseure anging. Der Wechsel von Wuppertal nach Frankfurt in das Mitbestimmungs-Modell, das war ein gewaltiger Sprung.

Wie sah dieses Mitbestimmungs-Modell am Schauspiel genau aus?

Es gab ein Dreier-Direktorium an der Spitze. Zwei Mitglieder wurden von der Stadt berufen, einer davon war Peter Palitzsch als Direktor des Schauspiels. Das dritte Mitglied aber wurde jedes Jahr aus den Reihen des Ensembles gewählt. Es gab Vollversammlungen, bei denen über den Spielplan und über die Besetzung von Rollen diskutiert wurde.

Und es wurde an die Mitglieder des Ensembles eine Einheitsgage ausgezahlt. Können Sie sich noch erinnern, was Sie bekommen haben?

Es müssen so etwa 3000 Mark im Monat gewesen sein. Ich weiß noch, dass ich an Peter Palitzsch einen Brief geschrieben habe, was ich denn wert bin und was ich ihm einbringe (lacht). Die Vollversammlungen begannen oft schon mittags und gingen manchmal bis zwanzig Minuten vor der Vorstellung am Abend. Das war natürlich ein Problem. Es war ziemlich anstrengend. Aber: Es hat sich durch die intensive Diskussion, durch das Ringen um Inhalte, eine große Energie aufgebaut, die wurde immer dichter und stärker und tragfähiger. Die hat uns alle mitgerissen. Es flirrte und flimmerte.

Fassbinder ließ uns arbeiten. Er rief nur ab und zu eine Bemerkung zu uns nach vorne. Fassbinder war kein autoritärer Mensch.

Edgar M. Böhlke

Sie haben an Inszenierungen mitgewirkt, die Theatergeschichte geschrieben haben. Etwa im Jahr 1974 an der deutschen Uraufführung von „Die Unvernünftigen sterben aus“ von Peter Handke, die von Rainer Werner Fassbinder inszeniert wurde. Wie war die Arbeit mit Fassbinder?

Sie war toll. Wir haben damals im Historischen Museum am Römerberg in einem Saal geprobt. Ganz hinten in der Ecke saß Fassbinder mit seinem Freund. Er ließ uns arbeiten. Er rief nur ab und zu eine Bemerkung zu uns nach vorne. Fassbinder war kein autoritärer Mensch. Man konnte mit ihm diskutieren, Dinge ausprobieren, hatte große Freiheiten. Ich konnte mich in meine Rolle hineinfinden und in ihr einnisten.

„Die Unvernünftigen sterben aus“ ist ein kapitalismuskritisches Stück, typisch für das Schauspiel Frankfurt in den siebziger Jahren. Immer wieder übten die Inszenierungen deutliche Kritik am politischen System in Deutschland, aber etwa auch am Krieg der USA in Vietnam. War das für das Publikum damals nicht gewöhnungsbedürftig?

Aber natürlich. Bei manchen Inszenierungen gab es auch Buh-Rufe, Ablehnung, und demonstratives Verlassen des Zuschauerraumes. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, wo die Leute nach der Vorstellung einfach aufstehen und gehen. Damals gab es nach vielen Aufführungen Auseinandersetzungen, es schloss sich jedes Mal eine lange Diskussion mit dem Publikum an, an der sich die Schauspieler, aber auch die Regisseure beteiligten. Es war ein unheimlich langer, aber sehr spannender Prozess. Als Hans Neuenfels 1976 seine Neufassung der „Medea“ inszenierte, mit deutlicher Kritik an der bürgerlichen Sexualmoral und mit Kraftausdrücken, da stellte er sich nach jeder Aufführung der Diskussion. Und es fetzte.

Zur Person

Edgar M. Böhlke, geboren 1940 in Lauban, studierte zunächst evangelische Theologie, dann Germanistik und Theaterwissenschaften, ehe er in München mit einer Schauspielausbildung begann. Sein erstes Engagement hatte er von 1967 bis 1972 an den Wuppertaler Bühnen.

Zum Ensemble des Schauspiels Frankfurt gehörte er von 1972 an, unter der Intendanz von Peter
Palitzsch, für sechs Jahre. Nach zwei Jahren in Düsseldorf kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er auch an
der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst unterrichtete. Seit 2006 ist Boehlke Ensemblemitglied
am Nationaltheater Mannheim.

Das Ensemble suchte überhaupt den intensiven Kontakt mit dem Publikum. Sie haben zum Beispiel mit Zuschauerinnen und Zuschauern Entspannungsübungen gemacht.

Ja, das stimmt (lacht). Das war beim alljährlichen Theaterfest. Das mit der Entspannung hatte ich von der Schauspielschule mitgebracht, wo ich sehr auf solche Techniken setzte und deshalb den Spitznamen „Ede Locker“ bekam. Ich habe aber damals noch andere Angebote für das Publikum gemacht. Zum Beispiel habe ich in einer winzig kleinen Bude, wo mir gegenüber jemand aus dem Publikum saß, die Lesung dreier Gedichte für eine Mark angeboten. Ich hatte einen Stapel Bücher dabei und hab dann gefragt: Wollen Sie Heine oder Gottfried Benn oder Günter Eich?

Das war Volksbildung im besten Sinne.

Genau. Und es schuf eine besondere Nähe zu den Menschen. Ein Mädchen kam und hatte ein Gedicht dabei, das es für seinen Liebsten geschrieben hatte und wollte, dass ich das lese. Das habe ich natürlich gemacht.

Ich möchte noch einmal auf den politischen Anspruch des Theaters damals zurückkommen. Es ging Ihnen darum, das gesellschaftliche System zu kritisieren und zu entlarven.

Ja, wir haben mit einem starken politischen Bewusstsein gearbeitet. Ich kann mich noch gut an den Satz des Regisseurs Peter Palitzsch erinnern, der zu sagen pflegte: Wir Marxisten sehen das so. Die Basis, auf der unsere Theater-Arbeit stand, war links. Ich erinnere mich an das Stück „Vor der Nacht“ von David Rudkin, in dem ich spielte. Da ging es um die Arbeiter auf einer Birnenplantage, die bei der Arbeit von oben mit DDT besprüht und dann krank und unfruchtbar wurden. Das war natürlich auch eine Anspielung auf den Einsatz von Agent Orange durch die USA in Vietnam und die Menschen haben es verstanden.

Einen Austausch mit dem Publikum, wie wir ihn seinerzeit hatten, gibt es heute nicht mehr, nicht einmal ansatzweise.

Edgar M. Boehlke

Wichtige Dramatiker wie etwa Heiner Müller gastierten damals in Frankfurt. Marieluise Fleißer kam kurz vor ihrem Tod zu den Proben ihres Stückes „Fegefeuer in Ingolstadt“.

Ja, Rainer Werner Fassbinder hatte Fleißer für das moderne Theater wiederentdeckt. Bei den Proben zu „Fegefeuer“ entstand das letzte Foto von ihr vor ihrem Tod. Ich hatte Fleißer schon vorher am Theater in Wuppertal kennengelernt, wo ich mit ihr Schwebebahn gefahren war und ihr die Stadt gezeigt hatte.

Das Frankfurter Schauspiel-Ensemble trat damals auch mit Brecht-Liedern auf. War das eine bewusste Berufung auf den DDR-Dramatiker, den Intendant Harry Buckwitz schon in den 50er Jahren in Frankfurt inszeniert hatte, gegen starke Widerstände von rechts?

Ja, wir sahen uns in dieser Tradition. Palitzsch war ja der bekannteste Mitarbeiter von Brecht gewesen. Bei der Premiere des Abends „Lieder und Gedichte von Brecht“ sang ich die „Ballade vom ertrunkenen Mädchen“ und war so aufgeregt, dass ich zweimal ansetzen musste, weil ich den Ton nicht richtig getroffen hatte. Ich habe damals in der Zeit der Mitbestimmung am Frankfurter Theater alles begierig in mich aufgesogen, was mit mir passierte und was um mich herum geschah. Ich habe nur gestaunt.

Wie ging es zu Ende mit der Ära der Mitbestimmung?

Nach sechs Jahren gab es die ersten Auflösungserscheinungen. Einzelne Schauspielerinnen und Schauspieler verließen das Ensemble. Ich ging nach Düsseldorf ans Schauspielhaus. Ein Problem war, dass es immer verlockende Angebote gab, wo man mehr verdienen konnte, etwa bei Filmdreharbeiten. Unsere Gagen waren klein im Vergleich. Wir bildeten ja eine Insel innerhalb des Theaters in Deutschland. Die Verhältnisse an anderen Bühnen änderten sich nicht. Und wir, das Ensemble in Frankfurt, steckten noch mitten im Lernprozess für die Mitbestimmung. So etwas lernt man nicht in einer Spielzeit.

Sie arbeiten mit 81 Jahren noch immer als Schauspieler. Vermissen Sie heute diese Zeit der Mitbestimmung in Frankfurt?

Ja, unbedingt. Wir waren damals auf dem Weg zu etwas Neuem. Ich vermisse heute die Energie, die uns damals getragen hat. Und ich vermisse heute die gesellschaftliche Rückendeckung für ein kritisches Theater. In den 70er Jahren gab es in Frankfurt ganz andere politische Auseinandersetzungen als heute, es war die Zeit der Häuserkämpfe gegen Spekulanten und Mietervertreibung. Ich erinnere mich an eine junge Frau, die in allen 40 Vorstellungen von „Was ihr wollt“ in der ersten Reihe saß. Bei der 30. Vorstellung haben wir, das Ensemble, ihr einen Blumenstrauß überreicht. Damals wurden viele Vorstellungen durch eine Demonstration unterbrochen. Zum Beispiel wurde in der Pause die Bühne besetzt. Einen Austausch mit dem Publikum, wie wir ihn seinerzeit hatten, gibt es heute nicht mehr, nicht einmal ansatzweise.

Ist das Pendel, das damals in Richtung Mitbestimmung ausschlug, am Theater wieder zurückgeschlagen?

Ja, ganz eindeutig. Natürlich besitzt die Mitbestimmung am Theater Grenzen. Ich kann keinen Regisseur zwingen, die Rolle des Otello mit einem bestimmten Darsteller zu besetzen. Aber ich kann mit dem Regisseur darüber reden, dass dieser Schauspieler bei der nächsten Inszenierung eine wichtige Rolle bekommt. Die Gespräche zwischen Regisseur und Schauspieler sollten intensiviert werden. Heute ist es so, dass die Intendanten wieder die Macht haben. Sie bestimmen den Spielplan, sie suchen die Regisseure aus und formen das Ensemble, kaufen auch Gäste ein. Die Schauspieler erfahren vom Schwarzen Brett, ob sie bei der nächsten Inszenierung dabei sind. Das sollte sich unbedingt ändern.

Ist die Mitbestimmung also unvollendet geblieben?

Ja, das Modell der Mitbestimmung ist unvollendet. Wir hatten damals in Frankfurt nicht genug Zeit, um es zu entwickeln. Ich wünsche mir, dass die Mitbestimmung am Theater verwirklicht wird. Das wäre sehr, sehr spannend.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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