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Schwester Aloysius nordet Schwester James ein. 

Frankfurt

Ist sie eine Furie, ist er ein Verbrecher?

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Das Fritz Rémond Theater hegt viele „Zweifel“.

Einen hochemotionalen Abend bietet jetzt das Frankfurter Fritz Rémond Theater. Nahtlos wird der Besuch vermutlich, nein garantiert in Privatdiskussionen übergehen. Sie können lebhaft ausfallen. Das Theater hat einen Lauf, was die Auswahl und die Durchführung betrifft, denn das war in den vergangenen Wochen mit dem Vorgängerstück „Die Niere“ nicht anders, bloß lustiger. John Patrick Shanleys pulitzerpreisgekröntes Stück „Zweifel“ ist nun spannend und bitter. Entstanden 2005, 2009 unter dem Titel „Glaubensfrage“ auch im Kino (mit Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman), dreht es sich zwar um Missbrauchsvorwürfe in der katholischen Kirche. Der US-Autor konnte das Ausmaß jedoch noch nicht überschauen. Das ist interessant, weil die im Stück nicht sehr sympathische, in Frankfurt sogar außerordentlich unsympathische Nonne – man hört, wie die Zuschauer nach Luft schnappen, wenn sie wieder einen unbarmherzigen Satz herausgehauen hat –, die den Priester ins Visier nimmt, im Rückblick doch Recht bekommt: Ja, man konnte nicht misstrauisch genug sein. Gleichwohl wird „Zweifel“ seinem Titel gerecht und lässt auch das Publikum damit zurück.

1964: Der strengen Schulleiterin und Nonne kommt der liberale Sportlehrer und Geistliche seltsam vor. Hat sie nicht bloß darauf gewartet, dass er mit einem der Jungen alleine gewesen ist und sich ein böser Verdacht daraus konstruieren lässt? Jetzt ist es so weit, einer jüngeren Lehrerin ist etwas aufgefallen, das sie sich nicht erklären kann. Der Schulleiterin und Nonne reicht das hingegen völlig aus. Man versteht, warum „Doubt“ auch mit „Glaubensfrage“ übersetzt worden ist.

Shanley entspinnt das nun als klassisches angloamerikanisches Konversationsstück (auch mit Pathos, auch mit kleinen Unwahrscheinlichkeiten), hier getragen von einem vorzüglichen Ensemble unter der Regie von Peter Kühn. Diana Körner ist die beinharte Schwester Aloysius, deren Lächeln man dennoch mögen kann. Aber das (mitgerissene) Publikum ist kurz davor, Pfui zu rufen, wenn sie der jungen Schwester James, Julia Kemp, die Freude am Unterricht austreibt. Es ist schon eine Entscheidung von Kühn und Körner, der Nonne einen derartigen Hass und so viel Gemeinheit mitzugeben, dass der beschuldigte Priester, Dieter Gring, automatisch in einem milden Licht erscheint. Erst gegen Ende kehren hier die Zweifel zurück, auch weil Gring vorsichtig spielt – hat Vater Flynn also Gründe für diese Vorsicht? – und sich viel weniger in die Karten schauen lässt als Körner, die vor allem auf dem Höhepunkt der Konfrontation die große Keule hervorzieht. Sehr intensiv gelingt das Gespräch mit der Mutter des Jungen (und angeblichen, vermeintlichen, möglichen Missbrauchsopfers), in unheimlicher und konzentrierter Anspannung gehalten von Dalila Abdallah. An diesen Stellen weiß Shanley auch immer wieder zu überraschen, die Dinge sind nicht so übersichtlich, wie es einem angenehm wäre. Niemand hat hier einfach recht. Sehr beunruhigend.

Die Bühne von Steven Koop verbindet das Gitter für einen Sportplatz mit der trüben Aussicht, dass das ebenso gut ein Gefängnis sein könnte. So kommt es den Figuren auch vor. Kein erfreulicher Abend für begeisterte Katholiken, ein zweiflerischer auch was die Kirchenhierarchien betrifft. Schwester Aloysius sagt nicht zu Unrecht voraus, dass die ausschließlich männliche Hierarchie den Priester schützen wird. So ist es. Vielleicht zu Recht, weil er ein braver Mann ist. Zweifel bleiben und nagen. Es gibt viel zu besprechen.

Fritz Rémond Theaterim Frankfurter Zoo: bis 5. Mai. www.fritzremond.de

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