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Von Oliver Reese mit der BE-Eröffnungspremiere betraut: Antú Romero Nunes.

Antú Romero Nunes

Eine Tür zur Freiheit

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Der Regisseur Antú Romero Nunes über seinen Genpool, den sexy Austausch im Theater und die Qual des Verbeugens.

Angesprochen auf den Anhänger, den er um den Hals trägt, kommt er gleich auf die großen Themen. Es ist eine verschlungene Form aus Horn von den Osterinseln, ein Geschenk seiner Tante, und es geht schon um Herkunft und Identität, da stehen wir noch auf dem Hof des Berliner Ensembles. Hier inszeniert der Regisseur Antú Romero Nunes in der ersten Saison des neuen Intendanten Oliver Reese Albert Camus’ „Caligula“. Und es soll, so hat er mit Reese verabredet, nicht bei dieser einen Arbeit bleiben.

Zurück zu den Osterinseln. Sie gehören zu Chile, da stammt seine Mutter her, sein Vater aus Portugal, er selbst ist in Tübingen geboren. Er kann sich noch daran erinnern, dass seine Mutter schief angeguckt worden ist, weil sie Deutsch mit Akzent sprach, und seine Lehrerin ihm sagte, heißblütig sei man vielleicht „da unten“ in der Heimat seiner Eltern, in Deutschland aber bitte nicht. „Man hat keinen Platz“, sagt er. Es macht ihm keine Mühe, von noch mehr Durcheinander in seinem Stammbaum zu erzählen. Seine Urgroßmutter sei aus Holland gewesen, rothaarig, ein Seefahrer nahm sie mit nach Chile. Der Großvater mütterlicherseits war Mapuche-Indianer, das sind die Ureinwohner Chiles. Und dann beendet er den wilden Ritt durch seine Familiengeschichte mit einem Satz: „Ich bin ganz zufrieden mit meinem Genpool, funktioniert doch alles.“ Er hebt den Arm, bewegt die Hand und grinst.

Es funktioniert noch viel mehr im Leben des 36 Jahre alten Theaterregisseurs Antú Romero Nunes. Sein Erfolg, der sich sofort nach seinem Regiestudium an der Ernst-Busch-Schule im Jahr 2009 eingestellt hat, hält an. In Berlin wurde er der jüngste Hausregisseur, den es je am Gorki-Theater gegeben hat, später inszenierte er in München, am Burgtheater in Wien, am Züricher Schauspielhaus, und in Frankfurt unter Intendant Reese zeigte er Henrik Ibsens „Peer Gynt“. Eine Wohnung hat er schon lange nicht mehr, so viel wie er unterwegs ist. Er wohnt da, wo er arbeitet, auf Zeit. Die Schwerelosigkeit, die damit verbunden ist, gefällt ihm. Er hat Preise gewonnen, am Thalia Theater in Hamburg ist er seit der Spielzeit 2015/2016 Hausregisseur. Perfekte Beherrschung des Theaterhandwerks bescheinigt ihm die Kritik, als witzig, lustvoll und politisch werden seine Inszenierungen gefeiert, und immer kommt das Wort „kraftvoll“ vor.

Jetzt ist also das Berliner Ensemble dran. „Ein geiles Theater“, sagt Antú Romero Nunes, da stehen wir schon im Zuschauerraum, setzen uns in die erste Reihe, vor uns die leere schwarze Bühne. „Wer hätte gedacht, dass ich mal am BE inszeniere.“ Er lächelt. Seine Lehrer an der Busch-Schule wohl nicht. Da hatte er keine gute Zeit. Zwei Jahre lang habe man ihm damit gedroht, er würde rausfliegen, hat er vor ein paar Jahren in einem Interview gesagt. Er erinnert sich, sagt: „Die sind bestimmt sauer auf mich.“ Und fügt schnell hinzu: „Ich hab’ aber auch viel gelernt dort.“ Erfolg macht offenbar großmütig. Oder diplomatisch.

Antú Romero Nunes sagt, dass Erfolg auch verletzlich mache, dass es plötzlich mehr Leute gebe, die infrage stellen, was er macht. Und dass es nichts Schlimmeres für ihn gibt, als sich am Premierenabend zu verbeugen. Da habe er das Stück doch schon aus der Hand gegeben. Aber klar: „Es ist ein Extraprivileg, Theater zu machen.“ Weil es ihm Spaß macht, weil er es gut findet, dass es im Theater keinen Pausenknopf gibt, den man drücken kann. Er erzählt von einem Gastspiel in China. Da hat er beobachtet, wie Aufpasser von den Rängen den Zuschauern, die während der Vorstellung ihr Handy zückten, mit Laserpointern aufs Display leuchteten. „Die Leute haben immer weniger Zeit, etwas auszuhalten und das zu fühlen, was sie fühlen müssen.“

Der äußere Erfolg ermöglicht es ihm zu arbeiten. Der innere Erfolg stellt sich ein, wenn ihm selber gefällt, was er macht, wenn die Schauspieler gerne spielen. „Das ist so ein sexy Austausch“, sagt er. „Das ist wie Drogen nehmen die ganze Zeit. Und wenn ich so eine Arbeit abgebe, ist es das Schmerzhafteste, diese Leute zu verlassen.“ Dann nimmt er kurz das Basecap ab, das er auf dem Kopf trägt, und setzt es verkehrt herum wieder auf.

Antú Romero Nunes ist früh nach diesem Austausch süchtig geworden. Er war noch in der Schule, da jonglierte er schon mit vier, fünf verschiedenen Theatergruppen, war mal Schauspieler, mal Regisseur. Er erinnert sich an die Kinderzeit, in der jeder gern Theater gespielt hat, nur dass es bei den allermeisten irgendwann vorbei war. Nicht bei ihm. Er zitiert ein spanisches Kinderlied über eine Frau, die wusste, wie man die Tür aufmacht, durch die man zum Spielen kann. Das ist jetzt seine Aufgabe. „Ich will einen Spielplatz bauen, wo die Schauspieler sich bewegen können.“

Diesmal hat der Spielplatz den Titel „Caligula“. „Die Menschen sterben und sind nicht glücklich“, zitiert er den berühmten Satz aus Albert Camus’ Theaterstück. „Und wenn alles egal ist, wenn nichts wirklich ist, dann können wir es auch vernichten.“

Das ist Caligulas Haltung. Aber dann gebe es Figuren, die etwas dagegen setzen, die behaupten, dass es Liebe gibt, Glück oder Sicherheit. „Aber das gibt es alles nur, wenn jemand es verteidigt“, sagt Nunes. Was aber, wenn man zu dem Schluss kommt, dass man den Tyrannen ermorden muss? Macht man sich dann nicht mit ihm gemein? Man merkt, dass er mittendrin steckt in der Auseinandersetzung mit den Dilemmata des Stücks, dass er nicht fertig ist damit, dass alles in Bewegung ist, auch wenn demnächst Premiere ist.

Am nächsten Tag begegnen wir uns zufällig auf dem Kottbuser Damm wieder. Antú Romero Nunes hat Grün. Er sei auf dem Weg ins Ballhaus Rixdorf, dort proben sie. Der Mann, der weiß, wie man die Tür zum Spielen aufmacht, ist auf dem Weg zur Arbeit. Und er sieht dabei sehr zufrieden aus.

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