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Amanda Majeski als junge Iphigénie.

Staatsoper Stuttgart

Eine Frau im Netz der Zeit

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Glucks „Iphigénie en Tauride“ in einer einleuchtenden und intensiven Inszenierung von Krzysztof Warlikowski.

Der Komplexität von Musik, Befindlichkeit und Handlung in Christoph Willibald Glucks später und bedeutender Oper „Iphigénie en Tauride“ gerecht zu werden, ihr zumindest nahezukommen, gelingt in Stuttgart vorbildlich. Krzysztof Warlikowskis Inszenierung der französischen Fassung, eine Übernahme von der Opéra national in Paris, wählt die für Opern aller Art gerne und gerne auch ein bisschen flott und flüchtig eingesetzte Form der Rückblende. Sie erfährt hier aber große Sorgfalt und hat eine Raffinesse, die selbst da, wo es einem nicht gelingt, das Rätselbild aufzulösen, ihren Reiz nicht verliert (es ist immer gut, wenn die Regie einen davon überzeugen kann, dass da etwas ist, auch wenn man nicht drauf kommt).

Die Plattitüde, dass wir die Dinge des Lebens in immer größerer Zahl mit uns herumtragen, während wir zugleich älter und wieder bedürftig wie einst werden, lässt sich an der in dieser Hinsicht schwer belasteten Familie der Atriden naturgemäß besonders dramatisch exemplifizieren. Ein zwangloser Höhepunkt werden so die musikalisch fabelhaften, für das Personal sich gleichwohl quälend hinziehenden Vorbereitungen zur Opferung Orests durch die Priesterin und noch ahnungslose Schwester Iphigenie. Am Rande aber steht in Stuttgart die noch junge, durchaus heutig gekleidete und schluchzende Königsfamilie, die viele Jahre zuvor der Opferung von Iphigenie – dann flugs und heimlich entrückt – beiwohnen musste.

Warlikowski und ein hochkompetentes, durch etliche stumme Rollen ergänztes Ensemble bewegen sich auf drei Zeitebenen: Erstens dem Jetzt der Opernhandlung: Der auf der Flucht vor den Erinnyen nach Tauris gelangte Muttermörder Orest und sein Freund Pylades treffen die hierher gebeamte Iphigenie, die nach einheimischem Brauch Fremde als Menschenopfer verwenden soll und vom Skythenkönig auch als Frau belagert (in Stuttgart: vehement belästigt) wird. Längere Zeit erkennt man sich nicht, auch „Iphigénie en Tauride“ ist ein gewaltiges Singen vom Unglück, der Verzweiflung, der bodenlosen Traurigkeit, aber die ausdifferenzierte Sicht der Regie im Verein mit Stefano Montanaris abgeklärtem und -gefedertem Dirigat lässt vom vormaligen Barockgejammer keinen Hauch mehr.

Zweitens die Vergangenheit der Atriden: Mord über Generationen, nachher in großen stummen Videosequenzen (Denis Guéguin) vorgeführt. Aber auch in Fleisch und Blut sind die glücklosen Vorfahren präsent.

Drittens die Geschichte, wie es endet: Iphigenie ist eine friedliche, wenngleich schwer traumatisierte Seniorenheimbewohnerin, denn in der Tat können die Geschwister Tauris gemeinsam verlassen und in die griechische Heimat zurückkehren. Hier gibt es noch andere Bewohnerinnen, auch sie haben gewiss ihre Geschichten, jedenfalls zeigen sie Gesichter, für die man sich interessieren kann. Eine der weißhaarigen Damen, Claudette Walker, bietet dem Publikum eine der ungewöhnlichsten Balletteinlagen, die es je gesehen haben wird.

Mit den Personendoppelungen muss man sich erst einmal zurechtfinden, aber es ist ein freudvolles Zurechtfinden. Die in lukullischer Stimmgröße und -süße idealtypische Amanda Majeski als Titelheldin wechselt als einzige zwischendurch das Kostüm, um wieder jung zu werden (ihr späteres Ich übernimmt dann Renate Jett). Die tiefe, dunkle, karge und wie unser aller Geschichte etwas verrumpelte Bühne der Ausstatterin Malgorzata Szczesniak ist ganz dafür eingerichtet, den einzelnen Figuren Raum zu geben. Der treffliche Chor (Bernhard Moncado) singt aus dem Off. Der vom militärischen Leben gezeichnete Rollstuhlfahrer Thoas, der junge, aber wuchtig singende Bariton Gezim Myshketa, wütet zwischenzeitlich von einer Seitenloge aus. Seine Uniform erinnert an die von Iphigenies Vater Agamemnon: Kämpfer sind ein überkulturelles Phänomen und das Aufeinanderstoßen der Kulturen ohnehin nicht Warlikowskis Thema.

Ein innigliches, im Timbre schön aufeinander abgestimmtes Paar bilden der hochsensibel singende Bariton Jarrett Ott und sein Tenorkollege Elmar Gilbertsson als Orest und Pylades.

Staatsoper Stuttgart:10., 12., 14., 19., 30. Mai. www.staatsoper-stuttgart.de

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