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Dampfplaudern im Raumschiff: Funki, (v. l.), Navigatix, hinten Data Luv, Doktore.

Schauspiel Frankfurt

Eine Boyband ohne Mission und Plan

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Kalauernd im All verloren: Nele Stuhlers und Jan Koslowskis „1994 – Futuro al dente“ in den Kammerspielen.

So kann es ausgehen, wenn eine Gruppe von künstlerisch vifen Menschen ein Stück entwickelt und sicherlich ihren Spaß gehabt und bei den Aufführungen hoffentlich auch noch hat: Dass das Publikum schon auch einen einigermaßen vergnüglichen Abend erlebt. Aber dann doch nur einigermaßen, denn es wird in „1994 – Futuro al dente“ gut anderthalb Stunden lang gekalauert und gewitzelt, dass der Bühnenboden in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels sich hier und da spaltbreit öffnet und zu diesem pausenlosen Dampfplaudern dampft, bis auch der Zuschauerraum komplett eingenebelt ist. Nur warum eigentlich?

Zum zweiten Mal nach „Der alte Schinken“ im Frühjahr 2018 haben Nele Stuhler und Jan Koslowski ein halbes Dutzend Schauspieler und Schauspielerinnen um sich geschart, damals ging es irgendwie um einen alten Krimi-„Schinken“, also Roman, in bürgerlichem Milieu. Diesmal befinden sich die Figuren irgendwie im Weltraum, haben 40 Jahre geschlafen – zehn davon verschlafen, es wird ein feiner Unterschied gemacht –, werden nun wach und mit Cassandra bzw. KI Sandra konfrontiert, einem arbeitsunwilligen, aber schön bunten Riesencomputer, sowie mit Data Luv (Altine Emini), anscheinend ein Cyborg aus der Zukunft. Apropos bunt: das steht bei den Kostümen von Svenja Gassen nicht im Vordergrund, dafür sind sie eine kühne Mischung aus samuraiartig, discoglamourös, grenztuntig – und ein Pilz ist auch dabei, Pilzkappen-Nachbildungen machen seine barocke Hüft-Fülle aus. Wenn er draufklopft, stauben sie. Aber Funki, Christoph Pütthoff, hat in einer Raumschiffecke eigentlich erstmal lange Pause.

Denn es beginnt, indem es nebelt, tönt und blinkert. Sterne rasen vorbei, Captain General Major Utro Zavtra wacht langsam auf: Melanie Straub im fast bettlakengroßen Shirt – „Hi How Are You“ steht da drauf, über einem Marsmännlein oder so – dekliniert gleich eindrucksvoll das mit dem Träumen (sie träumt von Bettwäsche) und Schlafen durch („werde ich noch geschlafen haben müssen?“), sucht den Lichtschalter, findet, huch, Mitsucher, guckt raus, aha, es ist 1994 (hm, nix wirklich Futuro, oder?) Dann gibt der (die) Captain das Motto des Abends aus: „Jetzt hören wir mal auf, uns zu beruhigen.“

In der Tat fängt man erst gar nicht damit an im „Raum der geteilten Ahnungslosigkeit“, in dem eine gewisse Hysterie der Grundton bleiben wird. Keinen Scherz, Gag, kein Wortspiel, keine Anspielung und Blödelei lässt man vorbeifliegen, ohne dass sie wenigstens in Sekundenbruchteilen was hergeben müssen. Vorbeifliegen, das tun dafür an die Bühnenwände projizierte Erbsendosen oder Autos mit starker Ähnlichkeit zum neuen Elektro-Pickup von Tesla (Animationen: Luis August Krawen). Popsongs werden angespielt, laut, man tanzt und fasst sogar die sprechende Schiff-Schimmelecke alias Funki an, wenn auch mit Igitt. Man hat keinen „Missionsplan“ und Cassandra spuckt auch keinen aus. Also bleibt nur: „Vermission“. Ach ja, man soll die Menschheit retten, erinnert man sich zwischendurch, aber in Wirklichkeit ist man doch eine neue Boyband, denn: „super-unterschiedliche Typen und immer fünf“.

Da zählt Data Luv nicht dazu, höchstens als Managerin. Aber Fridolin Sandmeyer, der Ko-Captain Ralle und der Tollpatsch vom Dienst ist, außerdem zu 85 Prozent in einen Amaranth hochgeladen; was Funki Gelegenheit gibt zu betonen, dass er jedenfalls keine Pflanze ist, vielen Dank. Navigatix Avanti Popolo, Torsten Flassig, hat keinen Navi, keine Peilung und keinen revolutionären Elan, sorgt sich aber wie Doktore Senza Glutini, Samuel Simon, um die Aufstrich-Situation im Raumschiff. Hat der Captain bemerkt, dass es keinen Aufstrich mehr gibt? Hat sie es bemerkt und nichts gesagt, was unerhört wäre? Weiß sie womöglich gar nicht, wie man ihn herstellt? Skandal. Braucht man einen Aufstrichplan? Einen Unterstrich? Einen Ansichstrich? „Oder einfach nur Strich?“

Wie Schneegestöber wirbeln die Wörter, die Akteure bringen sie zum Tanzen. Doch wenn der Abend zu Ende ist, sind diese Flocken geschmolzen und haben bereits kaum eine Spur hinterlassen.

Schauspiel Frankfurt: 11., 26. Dezember, 2., 17., 23. Januar, 1. Februar. www.schauspielfrankfurt.de

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