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Lucile (Noa Danon) spiegelt sich an der Rückwand ihres Salons. Noch ist nur der Wein rot.
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Lucile (Noa Danon) spiegelt sich an der Rückwand ihres Salons. Noch ist nur der Wein rot.

Gottfried von Einem

„Das ist eine böse Zeit“

Zum hundertsten Geburtstag des Komponisten am heutigen Mittwoch reaktiviert das Theater Magdeburg seine einstige Erfolgsoper „Dantons Tod“, die hier ohne Probleme ihre Anschlussfähigkeit zeigt.

In einer Zeit, da schon die raren Zweitaufführungen neuer Musiktheaterwerke den Eindruck vermitteln, ein Werk sei geradezu etabliert, kann man sich den sensationellen Erfolg von Gottfried von Einems erster Oper kaum noch vorstellen. „Dantons Tod“, 1947 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, wurde schnell und viel nachgespielt.

Ulrich Schreiber zählt in seiner Operngeschichte 50 Einstudierungen bis 2000, und er kann deutlich machen, wie sehr gerade das Publikum der Nachkriegsjahrzehnte sich dafür interessierte: Das auf Georg Büchner zurückgehende Libretto, geschrieben vom Komponisten selbst und von dem Kollegen und Lehrer Boris Blacher, thematisiert den blanken Terror ebenso wie die Hilflosigkeit des Einzelnen. Weniger deutlich arbeitet es hingegen die Schuldfrage heraus, die bei Büchner ja auch den Titelhelden trifft und plagt. „Das ist eine böse Zeit. Es geht einmal so. Wer kann da drüber hinaus?“, sagt und singt hingegen Lucile eher allgemein, und Deutsche wie Österreicher werden dem in den fünfziger Jahren erleichtert beigepflichtet haben.

Dazu passt, dass von Einem selbst später (in seinen Memoiren „Ich hab’ unendlich viel erlebt“) darauf hinwies, er sei durch das missglückte Attentat vom 20. Juli 1944 zu seiner bereits 1943 begonnenen Arbeit zusätzlich angeregt worden. Nicht in erzkonservativen, aber in liberalen Kreisen konnte man sich darauf früh beziehen und daraus Selbstachtung schöpfen.

Von Einem erzählt übrigens auch, wie er sich vor der Uraufführung mit dem avisierten Dirigenten Otto Klemperer verkrachte. Dieser habe ihm das lange nachgetragen, darunter in „einem gemeinen Interview, in dem er in bösartiger Weise die Behauptung aufstellte, dass ich ein alter Nazi sei ...“. Davon kann keine Rede sein.

Der Erfolg von „Dantons Tod“ erzählt nicht zuletzt etwas von der musikalischen Aufbruchstimmung nach dem Krieg. Von Einems Musik ist weitgehend tonal, aber schroff und modern genug, um etwas Neues anzukündigen, ein Musiktheater, in dem düstere Dinge zeitgemäß verhandelt werden können und das gleichwohl als Oper – der Festspielerfolg erzählt davon – glänzend funktioniert. Dass der erst 29 Jahre alte Komponist im Anschluss so weitermachte und sich nicht der Neuen Musik anschloss, trug ihm weitere Publikumserfolge ein – den größten wohl mit „Der Besuch der alten Dame“ (1971) –, wurde ihm allerdings auch ein wenig verübelt.

Heute kann man lange in die Oper gehen, ohne ein Werk von Einems zu sehen. Heute ist aber auch sein 100. Geburtstag – 1918 wurde er in Bern geboren, wuchs in Deutschland auf und starb 1996 in Niederösterreich – und hat das Theater Magdeburg dazu angeregt, sich „Dantons Tod“ vorzunehmen. Die Intendantin des Vierspartenhauses inszeniert selbst, Karen Stone, ehemalige Operndirektorin von Köln. Es fällt ihr leicht, von der Wirksamkeit des Werkes zu überzeugen in einer konzentrierten Aufführung, die trotz großer Chorauftritte kammerspielartig wirkt.

Geschickt die Ausstattung (Ulrich Schulz), die aus den Revolutionären langhaarige Hipster macht, aber so, dass sie nicht aus ihrer Zeit gerissen werden. Der Typus ist anschlussfähig: Man redet viel, man ist schon auch entschlossen, aber der nackten Gewalt dann ausgeliefert. Tatsächlich erinnert hier nicht mehr viel daran, dass auch Danton und seine Leute das Morden unterstützt haben, so lange es ihnen sinnvoll erschien. Robespierre ähnelt ihnen, aber nur äußerlich, nicht musikalisch. Saint-Just wird sehr böse zu einem Protagonisten aus einer wiederum anderen Zeit – mit Lederjacke und Schiebermütze scheint er jedenfalls den westlichen Besuchern wie dem Arbeiter- und Bauernstaat entsprungen.

Am gefährlichsten jedoch ist bei von Einem und Stone (und bei Büchner klingt es schon an) ohnehin das Volk. In Magdeburg wird es zum Mob mit dezent befremdenden Masken und in blau uniformierter Alltagskleidung. Es bedient sich eines abstrahierten, nicht recht einzuordnenden und umso bedrohlicheren Gewaltgesten-Repertoires. Stone arbeitet nicht mit unmittelbaren Aktualisierungen, aber sie unterbreitet uns schon ein tiefes Misstrauen gegenüber einer Masse. Auch wenn, gerade weil sie auf Schulz’ Bühne eine so besonders eindeutige Mehrheit stellt. Übrigens hat ja auch Danton bis zum Schluss Anhänger im wabernden Chor.

Gespielt wird auf zwei Ebenen, das Podest darf man ruhig sehen. Oben trifft man sich im windigeren Ambiente oder im gepflegten Salon von Lucile. Unten werden die drei Freunde Danton, Camille und Hérault nachher in einem Käfig gehalten. Auch bekommt das gigantische Guillotine-Blatt einige Fallhöhe, das nachher zur ebenfalls abstrakten, gleichwohl blutigen Exekution heruntergelassen wird. Dass die Devise „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hier eingraviert ist, wirkt erst simpel und dann doch stark. Dreißig Liter Kunstblut (vermeldete die „Volksstimme“ vorab) fließen dramatisch und sorgfältig getaktet herunter.

Stone geht wirklich direkt vor, aber auch mit Geschick und einem sehr sicheren Gefühl für den Unterschied zwischen Deutlichkeit und Aufdringlichkeit. Die Personenführung ist überzeugend, Peter Bording ein ziviler, lässiger, nicht zu sympathischer Danton und lebenserfahren angerauter Bariton. Der Tenor Stephen Chaundy karikiert seinen Antagonisten Robespierre nicht, gibt ihm aber einen umso erschreckenderen Fanatismus in Stimme und Blick. Das Dirigat des Generalmusikdirektor Kimo Ishii lässt dem guten Ensemble und dem sehr guten Chor Entfaltungsmöglichkeiten und wirbt für von Einems spannende, vielseitige Orchesterbehandlung.

Dass der Abend in einer gewissen Werkstatthaftigkeit nostalgisch ist – den Aufbruch von einst vermittelt –, passt zur Musik und steht ihm gut.

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