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„Einbruch mehrerer Dunkelheiten“ von Felix Leuschner und Dietmar Dath in Kassel: In der Sprache der Blitze

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Von: Judith von Sternburg

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„Einbruch mehrerer Dunkelheiten“ von Felix Leuschner und Dietmar Dath: Am Tisch die beiden Ermittlerinnen, am Koffer die Bewaffnete, links die Geldspielerin.
„Einbruch mehrerer Dunkelheiten“ von Felix Leuschner und Dietmar Dath: Am Tisch die beiden Ermittlerinnen, am Koffer die Bewaffnete, links die Geldspielerin. © Isabel Machado Rios

Der Mensch ist eindeutig zu langsam dafür, aber es ist toll zuzuhören und zuzuschauen: Die effektvolle Oper „Einbruch mehrerer Dunkelheiten“ von Felix Leuschner und Dietmar Dath ist am Staatstheater Kassel uraufgeführt worden.

Kapital und Technik, eine Verbindung, die es in sich hat: Angeberei und Hybris, aber auch beneidenswerte Möglichkeiten, modernste Autos, Reisen zum Mond. Selbstverständlich könnte man sein Geld anders ausgeben. An Elon Musk ist zu denken, auch wenn er dann nicht auftritt, stattdessen: ein Geldspieler (tatsächlich eine Geldspielerin) für die finanzielle Seite, ein gewisser Doktor Interelektro für die technische Seite, eine Bewaffnete für Assistenz und Werkschutz, zwei Ermittlerinnen, um die Figuren zum Reden zu bringen.

Und etliche Blitze, denn das ist es, was Doktor Interelektro untersucht: Er hat ein Computerprogramm entwickelt, das aus dem Blitzischen übersetzt und umgekehrt. Gespräche sind gleichwohl: schwierig. Ferner ein Monster und der beleibte Bundesadler. Nicht jede Figur erkennt man ohne weiteres, alles Eins-zu-Eins ist aufgehoben in „Einbruch mehrerer Dunkelheiten“ von Felix Leuschner und Dietmar Dath, ebenso in der ausgefeilten Uraufführungsinszenierung von Florentine Klepper.

Das Staatstheater Kassel, dessen neuer Intendant Florian Lutz durch Kompositionsaufträge (hier finanziert durch die Ernst-von-Siemens-Musikstiftung) regelmäßig neues Musiktheater in die Documenta-Stadt holen will, wirft sich total rein: Tanz und Schauspiel sind beteiligt, Generalmusikdirektor Francesco Angelico, auch keine Selbstverständlichkeit, dirigiert das klassisch aufgestellte Orchester mit großem Schlagzeug – „Denken ist eine Trommel, keine Flöte“, heißt es im Text – und E-Gitarre. Der Komponist selbst übernimmt die technische Aufbereitung, Verformungen, Fragmentierungen, es wabert und ballt sich, wird gewittrig grell, filmmusikalisch katastrophisch. Katastrophen spielen sich auch im Labor von Doktor Interelektro ab, auch wenn wir das, ehrlich gesagt, nicht immer verstanden haben. Der jovialen Geldspielerin geht es nicht anders. Technik, wer kapiert das schon.

Künstlerisch hingegen greift das alles fabelhaft ineinander, in den Klang- wie in den Bewegungssprachen. Für den choreografischen Anteil war Deva Schubert zuständig, das Ensemble ist dabei so fulminant fit, dass Spartengrenzen sich aufheben. Dass die Geldspielerin nicht von einer Sängerin gesprochsungen wird, merkt man zunächst nur, weil es sich eindeutig um die Schauspielerin Rahel Weiss handelt.

Seltsames Terrain. Das Vage-Ironische befördert vor allem Daths abgründiger, aber auch vordergründiger und lustiger Text. Leuschners Musik setzt ihn so haarklein, perfektionistisch und eigenständig in Klang um, dass das, was lässig, um nicht zu sagen: larifari wirken könnte, nun extrem auf Draht ist. Schnell und dynamisch wie ein Blitz, dann wieder verlangsamt wie Zeit, die nur mehr mühsam zäh vorankommt – die Wendung „Worte aus der Nase ziehen“ zeigt sich in Bild und Ton. Das klingt unterhaltsam und ist anspielungsreich von Dreigroschenopern-Atmo bis zu den Hämmerchen aus Wagners Nibelheim.

Bundesrepublikanisch ist die Umgebung (Bühne: Sebastian Hannak, Kostüme: Miriam Grimm), nicht nur wegen der Fetten Henne, nicht nur wegen der Sandmännchen West und Ost, nicht nur wegen der mäßig triftigen Idee, als Haupthandlungsort den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse zu wählen. Auch der Doktor selbst erinnert im Äußeren stark an den Kommunarden Rainer Langhans. Der Österreicher Bernhard Landauer gibt ihm seine Countertenorstimme, die auch in die Tiefe kann, und wenn er spricht, bietet er eine feine süddeutsche Note, die vom Interelektro nicht mehr wegzudenken sein wird. Regisseurin Klepper arbeitet wie Leuschner nicht mit einfachen Typisierungen (obwohl das so einfach wäre) – der gemütliche, maulige, bornierte, durchaus auch humorvolle Doktor ist das grandioseste Beispiel dafür.

Nachher befragen die beiden Ermittlerinnen auch ihn. Er solle es doch bitte noch einmal erklären, als ob sie doof wären. „Als ob?“, sagt und singt der Doktor, und sein Witz gefällt ihm und er sagt und singt es mehr als einmal. Die Ermittlerinnen: die Sopranistinnen Mengqi Zhang und Clara Soyoung Lee als strenges, zwillingshaftes Pärchen, die in unheimlich gleißende Höhen hinauf müssen und können. Dass sie für den Staat unterwegs sind, gleichzeitig als (zu Beginn und zum Schluss des Abends preisgekrönte) Journalistinnen: unscharf wie auch die Figur der smarten, harten Bewaffneten, der Sopranistin Caroline Melzer.

Der Blitz singt in Bassbaritonlage (Sam Taskinen). Müsste er dank seiner Schnelligkeit Menschen nicht stark überlegen sein, fragt sich die kompetitiv eingestellte Bewaffnete. Es sei ein Spiel, sagt der Doktor. „Hast du nie erlebt, dass der Schnellere verliert?“ Darauf läuft es dann trotz der anarchistischen Stimmung im Labor gewissermaßen auch hinaus: Der Staat zu schlau, der Markt zu mächtig, das Geld zu schön.

Sicher als Klammer gedacht: Fragen die Ermittlerinnen die Geldspielerin zu Beginn, was sie mit ihrem Geld mache, fragen sie sie zum Schluss, was das Geld mit ihr mache. Das ist aber doch braver als der Abend in seiner Gesamtheit, der gerade im gedanklich Unseriösen und musikalisch Topseriösen beeindruckt.

Staatstheater Kassel: 11., 17., 25. Juni, 1., 3., 10., 13., 15. Juli. www.staatstheater-kassel.de

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