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„Ein Zimmer für zwei“ in der Komödie: Jammerlappen und Luftikus

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Von: Judith von Sternburg

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Krieg, Eisenkolb, Schneider (v.l.), hinten: der Bergblick. Helmut Seuffert
Krieg, Eisenkolb, Schneider (v.l.), hinten: der Bergblick. Helmut Seuffert © Helmut Seuffert

Der ziemlich zeitlose und sehr britische Spaß „Ein Zimmer für zwei“ in der Komödie

Skiferien in Hotelzimmer-Qarantäne wären vor drei Jahren auf der Skala zwischen Rohr- und Schiffbrüchen noch eine der abwegigeren Konstruktionen gewesen, um jene für das Leben saublöde, für eine Komödie aber fruchtbare unkomfortable Ausgangssituation herzustellen. Man braucht dazu praktischerweise nur ein Bühnenbild. Tom Grasshof hat es für die Komödie Frankfurt mit Liebe als lange nicht benutzte Rumpelkammer eingerichtet. Gabriel Spagna als nichtsnutziger Hoteldiener beglaubigt das mit dem schlaffen Versuch, Frische und Reinlichkeit in den Muff zu bringen. Man sieht die fiktive Schabe sozusagen und graust sich. Der Bergblick: spektakulär.

Eine drohende epidemische Lage in einer Tourismusregion hätte früher vielleicht an „Tod in Venedig“ denken lassen, heutzutage gilt es, mit dem delikaten Punkt der Ausgestaltung einerseits schonend, andererseits halbwegs plausibel fertigzuwerden. Im Programm ist noch von Masern die Rede, auf der Bühne nurmehr von Röteln, die hier, weil es ulkig ist, solange es einen selbst nicht juckt, mit Windpockensymptomen kombiniert werden. Windpocken scheinen auch tatsächlich die Krankheit des Originals gewesen zu sein, einer auch verfilmten (und dabei stark modifizierten) 50er-Jahre-Komödie des britischen Duos Kay Bannerman & Harold Brooke. Auf Deutsch heißt „All for Mary“ nun „Ein Zimmer für zwei“ und ist weit weniger angestaubt als die Bude.

Steffen Wilhelm setzt das in Frankfurt mit dem ausgesprochen guten Gespür für Tempo (flott auch auf der Langstrecke) und Beweglichkeit (erheblich, aber nicht hysterisch) in Szene, die man von dem regieführenden Schauspieler kennt. Zeitlos wirken Petra Freimuth-Panoschs Après-Ski-Chic und Schlafanzüge. Denn, ja, schon gibt es einen zweiten Rötelfall im Hause. Darum treffen sich ein verdrossener Mensch namens Humphrey („Der blöde Berg versperrt die Aussicht“, diese Art von Verdrossenheit, die also nicht so einfach wegzureden ist) und ein Bruder Leichtfuß namens Cliff auf dem Dachboden wieder.

Das sind Stefan Schneider, der sich hier vielleicht noch nie so lustig zeigte, und Christopher Krieg, lustig wie immer: ein klassisches seltsames Paar, bei dem man eine rhetorische Frage wie „Kann man euch denn keine fünf Minuten alleine lassen“ besonders eindeutig mit Nein beantworten kann. Sie sprechen sogenanntes Fledermaus-Französisch („Was ist das für eine bude de bruque“, „So ein Crouton“), kommen aber letztlich trotz einer subtilen, wenngleich nicht übermäßig subtilen Konkurrenzsituation gut miteinander aus. Der Jammerlappen und der Westentaschenhallodri: Sie nehmen sich am laufenden Band selbst auf den Arm und könnten einem in einer insgesamt besseren Welt den Glauben an den britischen Humor zurückgeben. Humphrey ist mit seiner reizenden Frau Mary hier, die es nicht nötig hat, albern zu sein, und so handhabt es Susanne Eisenkolb auch. Cliff ist Marys erster Mann, einer der irren Zufälle, von denen es hier wimmelt, denn ebenso taucht nun Humphreys alte Nannie als Krankenschwester auf: Margot Nagel voller Würde und Merksätze, die sie mit einer Geduld einsetzt, die heutzutage praktisch nur noch eine KI hat.

Ab jetzt wird es insofern Freudsch, als Humphrey in Windeseile regrediert. Cliff regrediert ebenfalls, allerdings mit großer Gegenwehr. Auch der eintrudelnde dritte Rötel-Fall, Dirk Witthuhn als Hoteldirektor, regrediert, aber mit noch größerer Gegenwehr. Eigentlich ist das Ganze die Show der Nannie. Keiner widersteht ihr. Sie ist streng und liegt richtig, so dass man ferner den Glauben an den britischen gesunden Menschenverstand zurückgewinnen könnte. Aber dafür reicht ein Abend natürlich nicht, so gewitzt er ist.

Komödie Frankfurt: bis 15. Januar. diekomoedie.de

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