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„Ein Volksfeind“ am Schauspiel Frankfurt – Faden verloren

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Von: Judith von Sternburg

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Da haben wir die fidele Schar: Caroline Dietrich (l.), dann vorne Isaak Dentler und Tanja Merlin Graf, hinten Oscar Olivo, Sebastian Reiß und Stefan Graf. Foto: Thomas Aurin
Da haben wir die fidele Schar: Caroline Dietrich (l.), dann vorne Isaak Dentler und Tanja Merlin Graf, hinten Oscar Olivo, Sebastian Reiß und Stefan Graf. Foto: Thomas Aurin © Thomas Aurin

„Ein Volksfeind“ gerät am Schauspiel Frankfurt viel alberner, als das brandheiße Stück es verdient hätte.

Das gibt es alles immer noch und immer wieder, nicht überall, aber an diesem und an jenem Ort und unter kaum veränderten Vorzeichen: In Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ geht es um die Vertuschung eines Umweltdebakels, zu dem leichtsinniges (kostengünstiges) politisches Handeln beigetragen hat. Es geht um die Selbstgerechtigkeit des Menschen, der das aufdeckt, aber was ist die Selbstgerechtigkeit eines Menschen, der im Recht ist, gegen die Abwehrmauer, die die Lügner und in diesem Falle auch Lügnerinnen errichten?

Und es geht um die Dummheit der schweigenden Mehrheit, wobei das Adjektiv eine Frankfurter Ergänzung ist, eine kluge Ergänzung, wird namentlich die schweigende Mehrheit doch gegenwärtig in verschiedenen Gemengelagen für dies und das reklamiert. Das hat sie dann von ihrem Schweigen. Die schweigende Mehrheit findet sich außerdem nicht dumm und sie ärgert sich, wenn es ihr vorgeworfen wird – in Frankfurt nun in einem Monolog von Isaak Dentler, in dem die zu Boden fallende Nadel beim Aufschlagen gewiss zu hören gewesen wäre. Aber wenn sie sich ärgert, dann könnte die schweigende Mehrheit kurz auf die Wahlergebnisse in der näheren und ferneren Umgebung blicken und sich schämen.

Es geht allerdings auch um die Ungezwungenheit, mit der die Elite des Ortes über Leichen geht. Und um die Schwäche der lokalen Presse, die nach einer kurzen aufmüpfigen Phase kuscht – einer moralischen wie auch ökomischen Schwäche. 140 Jahre später ist „Ein Volksfeind“ weiterhin ein Stück mit vielen Anknüpfungspunkten. Regisseurin Lily Sykes sagt das zwar auch, aber sie handelt nicht so, sondern als müsste sie einer lahmenden Angelegenheit auf die Sprünge helfen.

Also ist der Boden des in den Zuschauerraum vorgerückten Spielquadrats in einem rosa-gelben Geflimmer erstarrt. Als Rückwand hat Thea Hoffmann-Axthelm eine riesige, edle Marmorwand entworfen – anno 1882, das Entstehungsjahr des Stücks und der Kuranlage –, darin Türen und Bullaugenfenster, aus denen man winken und sich erbrechen kann.

Denn dann und wann wird einem übel, weil allenthalben munter gefeiert wird. Im rosa-gelben Boden befinden sich Klappen, darunter wohl die Schwimmbecken, die aus dem inkriminierten Wasserquell gespeist werden. Gelegentlich springt einer hinein oder heraus, mit Taucherbrille und Gummivogel, der erst einmal durch die Klappe gequetscht werden muss. Lustig, dabei wäre es auch für die Inszenierung interessant, ob nach der Nachricht über Gift nicht der eine oder andere lieber nicht mehr hinterherhüpft. Auch bei einer oberflächlichen Betrachtung lassen sich Punkte herausstellen.

Die Spaltung der Stadtgesellschaft und der Niedergang des Badprojektes wird durch das allmähliche Auseinanderschieben des Bühnenbildes im großen Stil bebildert. Die Bühne des Schauspielhauses kommt dann noch in ihrem vollen Umfang zur Geltung.

Die farbenfreudigen Kostüme von Jelena Miletic, die auch schon für Herbert Fritsch gearbeitet und in Frankfurt an den großartigen Ausstattungen für „Königsweg“ und „Quartett“ beteiligt war, laufen diesmal ins Leere. Das gilt weitgehend auch für das aufgedrehte Ensemble. Ein Herrenknäuel – erst verknäuelt er sich, dann entknäuelt er sich wieder – hat eine hohen Schauwert. Aber nicht nur versteht man ohnehin, dass etwas faul ist beim „Volksboten“, man würde es sogar besser verstehen, wenn die Schauspieler es weniger offensichtlich aufpeppen müssten. Denn die Probleme liegen auf der Hand und sind die unseren.

Bürgermeisterin Petra Stockmann war vormals Peter Stockmann, ein plausibler Eingriff, der zusammen mit der Streichung der braven Gattin von Thomas Stockmann das Frauenbild im Text dem Stand seiner scharfsinnigen Analyse annähert. Caroline Dietrich spielt die Regierungschefin des Stadt als angespannte, mit ihren körperlichen Reizen auf wiederum merkwürdig altmodische Art nicht geizende Managerin. Das stressige, aber eben doch auch vertraute Verhältnis zum Bruder, dem Titelhelden, ist hingegen nicht schlecht getroffen. Dentler muss sich als Thomas Stockmann ebenfalls kringeln und strecken, dahinter aber geht ausgerechnet die wirklich problematische, nämlich nicht nur naive, sondern fanatische Seite der Figur letztlich verloren.

Stark der ironisch auch so angekündigte Monolog, in dem Dentler der Gesellschaft des Städtchens und uns, dem bräsigen Publikum, die Leviten liest (und am Sonntag nach dem jüngsten Klimastreik unter anderem das Engagement der jungen Menschen würdigt, um deren Zukunft es gehe). Das aufgekratzte Drumherum soll seine Rede möglicherweise sogar besonders hervorheben, „Ein Volksfeind“, anschlussfähig ans Heute von Anfang bis Ende, hätte das aber nicht nötig.

Das übrige Personal: skurril und dadurch eher austauschbar als individuell, dazu tendenziell entpolitisiert. Vielleicht wird auch Satire mit Klamotte verwechselt. Oscar Olivo ist ein besonders schlenkeriger Redakteur, Sebastian Reiß sein unzuverlässiger Mitarbeiter, Stefan Graf in kurzen Hosen ein lachhafter besorgter Bürger. André Meyer ist als gutmütig dröhnender Kapitän zu sehen, auf der Seite des „Volksfeindes“, aber als relativ menschliche Figur im gereizten Ambiente merkwürdig fehl am Platze. Wie auch Uwe Zerwer den Part des mächtigen Kapitalisten im Hintergrund, Morten Kiil, eher zu absolvieren hat, als zur Entfaltung eine Gelegenheit zu bekommen.

Stockmanns Tochter Marie schließlich ist sehr energisch Tanja Merlin Graf, aber die Energie ist im spaßigen Getümmel ziellos. Am Ende zeigt sich, dass sie nicht nur, wie bei Ibsen, mutig in die Zukunft blickend zu ihrem Vater steht, sondern auch konkrete Pläne für eine Marie-Stockmann-Akademie hat. Hier will sie das Fadenspiel lehren, denn das Schlusstableau widmet sich einem kurzen Text der Biologin und Feministin Donna Haraway, in dem diese die Muster des Kinderzeitvertreibs auf das Geschichtenerzählen auf einem verwundeten Planeten überträgt. Beim Fadenspiel treffen sich die Streithähne und -hühner friedlich und geradezu meditativ. Der zweistündige, pausenlose Abend legt damit aber nicht noch etwas Analyse nach, sondern eine Friedlichkeit, die in die Gefilde des Kitsches reicht.

Schauspielhaus Frankfurt: 2., 5., 9., 13., 15. Oktober. www.schauspielfrankfurt.de

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