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„Ein Sommernachtstraum“ in Wiesbaden: Der Sieg der Liebe über jede Tyrannei

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Von: Judith von Sternburg

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Im Begriff, ein Paar zu werden: Zettel und Titania, Matze Vogel und Christina Tzatzaraki. Bild: Karl und Monika Forster
Im Begriff, ein Paar zu werden: Zettel und Titania, Matze Vogel und Christina Tzatzaraki. Bild: Karl und Monika Forster © Karl und Monika Forster

Das Wiesbadener Staatstheater überrascht mit einem ideenreichen „Sommernachtstraum“ auf großer Bühne.

In William Shakespeares Evergreen „Ein Sommernachtstraum“ gibt es ein paar neuralgische Punkte: Was ist das für eine Hofgesellschaft, an der nicht nur Liebende in die Flucht getrieben, sondern auch besiegte Herrscherinnen zwangsverheiratet werden? Was ist von der Bloßstellung der einfachen Leute zu halten, die auch einmal Kunst machen und hoch hinaus wollen? Dauert es nicht durchaus eine verdammte Weile, bis die wunderbar angezettelten Verwicklungen wieder zurückgewickelt sind? Und wie glücklich kann nach diesen Vorfällen ein glückliches Ende sein?

Solcher Skepsis begegnet am Staatstheater Wiesbaden nun eine Inszenierung des Regisseurs Tilo Nest mit mehreren schönen Vorschlägen. Es fängt damit an, dass der Hof von Athen hier ein Ort der Tyrannei dystopisch sozialistischer Art ist. Theseus, die Nummer 1, trägt die gleiche (kräftig violettfarbene, von Anne Buffetrille und Mirjam Ruschka entworfene) Uniform wie seine durchnummerierten Untertanen, die sich eingangs an massiven Konferenztischen versammeln. Das mit sehr hohen Nummern versehene Putz- und Desinfektionsteam, vormals: die Handwerker, ist schon zugange, und die erste Szene an diesem neu zusammengewürfelten Abend gehört der ersten Lasst-mich-den-Löwen-auch-noch-spielen-Theaterprobe: Ingrid Domann ist die lakonische und nachher beinharte Regisseurin Petra Squenz – um Machtgefälle geht es hier in jeder Hinsicht –, Matze Vogel ist Klaus Zettel, der heute Abend eine Rolle bekommt, von der Zettel wirklich nur träumen kann.

Sodann donnert der Demagoge Theseus in Gestalt von Michael Birnbaum seine Verachtung für die „Feenpossen“ aus dem letzten Akt von der Parteitagskanzel, unterbrochen von der Jubelchoreografie des Plenums (glänzend die leiernde Rums- und Chormusik Vera Mohrs’ und Kostia Rapoports). Hippolyta, Christina Tzatzaraki, wird gut verpackt angeliefert, und spricht vorerst Ausländisch (ironischerweise Griechisch).

Die jungen Leuten, die sich nicht so lieben, wie der Vater es will, haben mit ihren vierstelligen Nummern keine Chance. Dann aber geraten die zementierten Verhältnisse ins Wanken, sei es ein Beben, ein Gewitter oder die Zaubermacht der eben geschmähten anderen Welt, jedenfalls wird mit Aufwand und Theaterdonner Robert Schweers Konferenzsaal auseinandergenommen. Aus den Trümmern entsteigen die Elfen und die Liebenden in zunehmend derangierten Uniformen und Unterwäsche im Nude-Ton. Unterm Beton ist die Wildnis, und es wird noch wilder.

Das Quartett aus Maria Wördemann, Klara Wördemann, Paul Simon und Tobias Lutze fegt Liebes-Evergreens schmetternd und japsend über die Bühne (ja, es gibt auch Schlegel-Shakespeare, aber: punktuell). Und während Tzatzaraki und Birnbaum, nun als Titania und Oberon, keinen indischen Knaben brauchen, um zu zanken, verwandelt Rainer Kühn als müder, aber effizienter Puck (hier: Droll) den armen Zettel in einen Nackten. Das ist offenbar immer noch so erschütternd, dass in der besuchten zweiten Vorstellung alsbald eine Tür knallte, aber eigentlich ist es wunderschön.

Nicht nur, weil entgegen bürgerlicher Vermutungen auch die traditionellen Eselsohren Zettels ja tatsächlich ein Symbol dafür sein können, dass Titania hier ein gut ausgestatteter Liebhaber zum Austoben zur Verfügung gestellt worden ist. Eine opulent choreografierte Sex-Szene – Klaus ist zunächst scheu, Titania lockt ihn geschickt an und zähmt ihn – führt auch hin zu wahrer Liebe, die aus dem Popanz Zettel einen echten Schauspieler macht.

Das hat Folgen: Zum Schluss hin denkt Tilo Nest nicht daran, die Handwerker vorzuführen, stattdessen lässt er Klaus Zettel und seinen Trupp melancholisch schauspielern. Das ist zwar irre, weil ausgerechnet da, wo Shakespeare banal wird, viel „Original“-Text zu hören ist. Es ist aber auch überraschend und weicht die Stimmung gewissermaßen auf.

Die Liebe, man ahnt es, wird die Konvention besiegen, und siehe da, zur Empörung des Machthabers fliegen hunderte Zettel (!) mit der Aufschrift „Let love rule“ (vorhin im Wald geschrieben) von der Decke. Der Tyrann muss sich geschlagen geben, Hippolyta/Titania bekennt sich vor aller Augen zu Klaus. Ein langer Kuss, ein unendliches und unendlich schönes Liebeslied von John Dowland, ein Gruppenkuscheln und -singen tritt an die Stelle des Parteitagsgestampfes. Alles unmöglich, aber hier haben wir es ja gesehen. Nicht allen, aber vielen im Publikum leuchtete das hörbar ein.

Staatstheater Wiesbaden, Großes Haus: 1., 7., 15., 21. Oktober. www.staatstheater-wiesbaden.de

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