Ein Darmstädter „Sommernachtstraum“: Im stillgelegten Wüsten-Wunderland.  
+
Ein Darmstädter „Sommernachtstraum“: Im stillgelegten Wüsten-Wunderland. 

Staatstheater Darmstadt

„Ein Sommernachtstraum“ in Darmstadt: Es war der Niebergall und nicht die Lerche

  • vonMarcus Hladek
    schließen

„Ein Sommernachtstraum“ auf Hessisch am Staatstheater Darmstadt.

Wie reden Romeo und Julia sich doch ein, als es draußen zwitschert: „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche.“ Die Hessische Spielgemeinschaft gibt auf der Foyerterrasse zwar Shakespeares „Sommernachtstraum“, redet uns aber dennoch ein: Es war der Niebergall und nicht der Shakespeare. Und das kommt so.

Als Darmstädter Laienspielschar babbeln die Akteure Hessisch, hier in einem Szenarium von Ulf Goerke (Regie) und David Gieselmann. An diesem Covid-distanzierten Tag im Jahr 2020 sehen sie sich darum nicht als Handwerker aus Athen. Folglich machen sie aus der „komischen Tragödie“ von Pyramus und Thisbe als Stück im Stück ein neuentdecktes Stück von „Datterich“-Autor Niebergall, auf den sie sonst abonniert sind. Die resultierende Verwirrung ist ganz im Sinne Shakespeares und seiner Zaubernacht.

Von seinem Wald bleibt wenig übrig, denn Pascal Seibicke (Bühne, Kostüme) versetzt uns vor ein stillgelegtes Wüsten-Wunderland. Daher die Kakteen, der große lila Totenschädel, drei gemalte Affen im Anzug, ein Rummel-artiger Laufsteg empor zum Tor, ein Kapellchen und viele Zeichen und Graffiti. Zur Geisterbahn mit Riesenblüten und Flamingobecken zum Waten passen die Kostüme zwischen plüschigem Abendkleid, Alltag und grellen Badeanzügen.

Darmstadt ist stolz demokratisch, also streicht das Szenario den Adelsrahmen mit Theseus und Hippolyta. Was bleibt, sind erstens Liebende ohne dynastisches Gedöns: Hermia mit Lysander (Sandra Russo, Heinz Neumann) und Helena mit Demetrius (Petra Schlesinger, Ralf Hellriegel). Zweitens das zauberische, sangeslustige Herrscherpaar Oberon und Titania (Luca Lisowski, Sandra Fleckenstein) nebst Elfengefolge (ein Damentrio), Waldwesen (Ute Sauter mit Ohren-Flügeln) und Puck. Ihn spielen Annika Grüschow und Daniel Seip als Friseur-gestyltes Zwillingswesen in Flieder.

Die Deutungshoheit halten indes die mutierten (Theater-) Handwerker, die sich als solche mal in Lästereien über Regietheater und Fehlbesetzungen ergehen, mal Atemübungen einschieben. Sophia Carnier gibt, als hübsche Studentin, sodann den Zettel alias Nick Bottom, spielt im Stück-im-Stück also den Pyramus, und hat selbst eselköpfig noch alle Webfäden in der Hand: das vorgeschobene Prunkstück des Tages. Dahinter folgen der Prologsprecher und Quasi-Regisseur Squenz (Oliver Noweck), Flaut/Thisbe (Thomas Schüler), Schnauz/Wand (ein Doppel), Schnock/Löwe und, unter dem echten Vollmond, Schlucker als Mond. Ziemlich bunt auch die Off-Musik (Silvia und Timo Willecke), die teils nach Tex-Mex à la Quentin Tarantino klingt, teils das Klavier bemüht und zum Gesang anstiftet.

Der Traum und die Zombies

All das ist hübsch gemacht und integriert das Laienhafte selbstbewusst in die Spielmuster. Der Traum von eselköpfiger Liebe gehört ja nicht allein dem „hohen“ Theater oder schreibenden Nordlichtern wie Arno Schmidt („Zettel’s Traum“). Vielmehr darf Shakespeare in Darmstadt träumen wie nirgends sonst. Hier liegt seine vermutlich wahre Totenmaske, wie die Shakespeare-Forscherin Hammerschmidt-Hummel behauptet: mit Haaren im Gips und Tränendrüsensekret (Sand) aus den Augen dessen, der Hamlet, Macbeth und Cordelia ersann. Wer Shakespeare à la „Jurassic Park“ auferwecken wollte (und davon hatte der Abend mit seinen Zombie- Erwähnungen etwas), käme an Darmstadt nicht vorbei.

Staatstheater Darmstadt: 6., 7., 9., 11. Juli, Stand am Sonntag allerdings: alle Vorstellungen ausverkauft. www.staatstheater-darmstadt.de

Kommentare