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"Ein Neubau böte mehr Möglichkeiten"

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Von: Claus-Jürgen Göpfert, Christian Thomas

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"Wir sind ein Sanierungsfall. Seitdem schwebt das Damoklesschwert über uns": Olaf Winter, Technischer Direktor der Städtischen Bühnen Frankfurt.
"Wir sind ein Sanierungsfall. Seitdem schwebt das Damoklesschwert über uns": Olaf Winter, Technischer Direktor der Städtischen Bühnen Frankfurt. © Michael Schick

Der Technische Direktor der Städtischen Bühnen Frankfurt, Olaf Winter, erklärt die baulichen und gestalterischen Mängel des Theaters und erhofft sich von der Politik zügige Entscheidungen.

Herr Winter, es gibt langjährige, passionierte Theatergänger, die uns darauf angesprochen haben, dass sie die Städtischen Bühnen in Frankfurt nicht für einen Sanierungsfall halten. Sie beraten dagegen seit Monaten über ein Gutachten, das eine Sanierung oder einen Neubau für dringend geboten hält. Was sagen Sie den Menschen, die daran zweifeln?
Ich kann die Zweifel gut verstehen. Die Bühnentechnik von Oper und Schauspiel, also das, was die Zuschauer direkt wahrnehmen, ist in einem bemerkenswert guten Zustand. Die Untermaschinerie und die Obermaschinerie des Schauspiels sind sogar recht neu. Leider ist in der öffentlichen Darstellung des Gutachtens in den vergangenen Monaten einiges misslungen. Es wurde nie zwischen der Bühnentechnik und der Haustechnik, also Belüftung, Heizung, Klima, Strom, Wasser, Brandschutz unterschieden. Alle Besucher, die ins Haus kommen, sehen auch die Zuschauerräume in einem guten Zustand. 

Tatsächlich ist es nur einem Zufall zu verdanken, dass noch keine Premiere wegen eines Wasserrohrbruchs oder eines Stromausfalls oder durch den Ausfall der Klimaanlage abgesagt werden musste. 
Genau so ist es. Es sind die nicht sichtbaren Technischen Gebäudeanlagen, die ein Sanierungsfall sind. Leider können wir nicht jeden Zuschauer durchs Haus führen. Wir haben zum Beispiel vor zwei Jahren im Sommer einen starken Wassereinbruch gehabt. Da sind infolge eines Starkregens vier Rohre, die vom Dach nach unten führen, gebrochen. Es war aber in den Sommerferien. Wenn das in der Vorstellungszeit passiert wäre, hätten Vorstellungsausfälle gedroht. Ein ganz aktuelles Beispiel: Gestern hat es einen Kurzschluss in der Lüftungs- und Heizungsanlage des Foyers gegeben. Der ist bis jetzt nicht repariert. Es ist schwierig, Ersatzteile zu finden. Die Haustechnik muss und wird eine Lösung finden. Wir versuchen, aus den alten Anlagen das Letzte herauszuholen. 

Das heißt, die Zeit drängt. Seit Sommer tagt hinter verschlossenen Türen eine Arbeitsgruppe mit Fachleuten des städtischen Hochbauamtes, des Revisionsamtes, des Kulturdezernats, der Bühnen und anderer Bereiche. Zu dieser Arbeitsgruppe gehören Sie auch. 
Ja. Im März 2016 lagen die ersten beiden Teile der Machbarkeitsstudie vor. Es wurde klar: Wir sind ein Sanierungsfall. Seitdem schwebt das Damoklesschwert über uns. Wir haben uns geeinigt, dass wir mit Ach und Krach noch fünf Jahre den Spielbetrieb ohne größere Ausfälle aufrechterhalten können. Also bis 2021. Das war schon eine Frist, bei der die Fachleute alle Augen zugedrückt haben. 

Es wird von den Politikern nicht forciert genug gearbeitet?
Man könnte forcierter arbeiten, ja. 

Ist nach dem bisherigen Stand der Arbeitsgruppe die Sanierung noch die Lösung oder ist es der Abriss und der Neubau? Kulturdezernentin Ina Hartwig hat im FR-Stadtgespräch gefordert, die Stadt müsse mit einem Neubau der Bühnen groß denken. Sie erwähnte als Beispiel den Bau des Guggenheim-Museums in Bilbao, das die Stadt erheblich vorangebracht habe. Aus Ihrer fachlichen Sicht: Würden Sie auch sagen, ein Neubau ist die Lösung?
Wir untersuchen verschiedene Modelle, die von Planungsdezernent Mike Josef, Baudezernent Jan Schneider und Kulturdezernentin Ina Hartwig als Aufträge an die Arbeitsgruppe vergeben wurden. Eine große Rolle spielt die Reduzierung der Kosten von den genannten knapp 900 Millionen Euro. Eine Sanierung nach allen aktuellen technischen Regeln, Brandschutzauflagen, Energieeffizienz- und Versammlungsstättenverordnungen sowie Arbeitsstättenrichtlinien erlaubt uns aber nicht, signifikant von diesen Kosten herunterzukommen. 

Wie beurteilen Sie persönlich eine Sanierung? 
Nach meiner Einschätzung zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich eine Sanierung als weder wirtschaftlich noch sinnvoll an. 

Ein Neubau böte mehr Möglichkeiten? 
Ein Neubau böte mehr Möglichkeiten, ja. Wir haben auch bauliche und gestalterische Mängel in der Theater-Doppelanlage, die man bei einer Sanierung nicht beheben könnte. Die blieben erhalten, etwa die sehr alten Fundamente mit daraus folgenden vielen Treppen in sicherheitstechnisch und funktional wichtigen Gängen. 

Haben Sie eine Vorgabe von den Politikern, welche Kostenhöhe Sie erreichen sollen? 
Nein, keine konkrete Zahlen. Aber die Städtischen Bühnen verspüren hohen Druck zur deutlichen Reduzierung, auch wenn man da neue, in der Machbarkeitsstudie nicht untersuchte Wege gehen müsste. 

Die Politik müsste also die Debatte beschleunigen hin zu einer Entscheidung? 
Das wäre ratsam. Für diese Ansage, dass wir den Spielbetrieb noch bis 2021 ohne nennenswerte Störungen aufrechterhalten können, mussten wir unseren ganzen Mut zusammennehmen. Die Zeit vergeht schnell, zumal man ja bei einigen Szenarien Teile des Hauses für weitere Jahre über 2021 hinaus betreiben würde. 

Die Politiker sind der öffentlichen Debatte ausgewichen, etwa vor kurzem bei den Römerberg-Gesprächen. Befürchten Sie, dass die Bühnen Thema im OB-Wahlkampf werden?
Ich bin kein Politiker. Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, dass man das Thema aus dem Wahlkampf heraushalten kann. Nicht bei der Höhe der aufgerufenen Zahlen.

Wann will die Arbeitsgruppe ein Ergebnis vorlegen? 
Die Arbeitsgruppe gibt Mitte November ein erstes Ergebnis an die Politiker weiter, von denen die Aufträge kamen. 

Ist es der Arbeitsgruppe gelungen, die Kosten signifikant zu senken?
Es gibt bei uns Ideen zur Kostensenkung. Die Politik muss aber entscheiden, in welche Richtung es geht. 

Wird die Arbeitsgruppe einen Neubau der Städtischen Bühnen empfehlen? 
Nein, die Arbeitsgruppe wird gar nichts empfehlen. Wir überprüfen Aufträge auf deren grundsätzliche Machbarkeit. Wir warten auf die Entscheidung der Politik. 

Der frühere Baudezernent Hans-Erhard Haverkampf (SPD) hat vorgerechnet, dass eine Sanierung der Bühnen für 130 Millionen möglich sei. 
Da gab es einen Aufschrei. Ich habe aber gesagt: Lasst uns das ernsthaft prüfen. Lasst uns genau schauen, ob nur eine seiner Prämissen stimmt. Das haben wir getan. Aber wir alle sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Betrachtungsweise von Herrn Haverkampf überholt ist. Er hat Bedingungen zugrunde gelegt, die so nicht mehr anwendbar sind. Die Vorschriftenlage ist ungleich komplexer und längst viel weiter. An dieser Stelle möchte ich generell anmerken, dass die Städtischen Bühnen ja sanieren müssen und nicht unbedingt möchten. So würden wir dementsprechend gerne für 130 Millionen im laufenden Betrieb sanieren…

Würden Sie sich eine zügige Grundsatzentscheidung der Politik über Sanierung oder Neubau wünschen? 
Ja, eine zügige Entscheidung sollte sein. Das wäre für uns alle gut. Wir könnten dann auch in der verbleibenden Zeit im bestehenden Gebäude vor Beginn der Maßnahmen viel mehr steuern, technisch und ökonomisch. Wir müssen ja sehen, wie wir den Spielbetrieb der Bühnen weiter aufrechterhalten. Je länger es dauert, desto höher wird das Risiko, dass der Spielbetrieb dauerhaft ausfällt. Schnelle, in Handlungszwang errichtete Interimslösungen werden mit hohen Kosten verbunden sein. Wir tun alles, dass dies nicht geschieht. 

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