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Gerade hat Klaus Fischer sein berühmtes Tor geschossen. Hanno und Kurt jubeln. Bettina Müller
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Gerade hat Klaus Fischer sein berühmtes Tor geschossen. Hanno und Kurt jubeln.

Freies Schauspiel Ensemble

„Ein Mensch brennt“ in Frankfurt: Es ist für eine große Sache

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Das Freie Schauspiel Ensemble bringt „Ein Mensch brennt“ von Nicol Ljubic auf die Bühne

Genau dreiunddreißig ein Drittel Jahre vor Fukushima (die Drei ist eine heilige Zahl, das muss also etwas bedeuten, darauf besteht Marta), hat Hartmut sich angezündet. Er hat also mehr als nur geahnt, so Marta, er hat einfach gewusst, dass ein solcher GAU passieren würde. Marta, das ist eine Figur aus einem Roman. Hartmut, das war Hartmut Gründler, Lehrer aus Tübingen und Anti-Atom-Aktivist. Er war 47 Jahre alt, als er sich am 16. November 1977 vor der Hamburger Petrikirche mit Benzin übergoss und anzündete. Im nahen Kongresszentrum debattierte die SPD gerade über das Thema Atomenergie. Gründler hatte zuvor schon versucht, durch einen Hungerstreik Einfluss zu nehmen auf Bundeskanzler Helmut Schmidt und auf eine atomfreundliche Politik, die er als bedrohlich empfand für den Fortbestand der Menschheit.

Den Journalisten und Autor Nicol Ljubic hat in seinem Roman „Ein Mensch brennt“ freilich weniger der politische Kämpfer Gründler interessiert, der am Ende glaubte, das letztmögliche aller Zeichen setzen zu müssen, als eine (fiktive) Familie – Marta, Kurt, Sohn Hanno –, die sich verändert, am Ende auch zerbricht, nachdem Hartmut als Untermieter ins Souterrain zieht und Marta bald bittet, sich während seines Hungerstreiks um ihn zu kümmern.

Da muss ich meinen Mann fragen, ist Martas erste Reaktion. Doch wird auch sie bald zu einem Menschen, der brennt: für die Anti-Atom-Bewegung, für den Protest, für Hartmut. Sie entfremdet sich von Kurt, sie schleppt ihren kleinen Sohn überall mit hin, sogar ins Krankenhaus, in dem Hartmut Gründler fünf Tage liegt, ehe er an seinen schweren Verbrennungen stirbt.

Reinhard Hinzpeter, mit Bettina Kaminski Leiter des Freien Schauspiel Ensembles, hat aus Ljubics Roman eine Bühnenfassung erstellt, für die er nur zwei Darsteller benötigt, und mit der das FSE im Bockenheimer Titania jetzt wieder den Spielbetrieb beginnt. Kassen- und Getränketisch stehen im luftigen Hof; drinnen muss Maske getragen werden.

Eine kleine Küchenzeile, Tischchen und Metallstühle, alles in Warnorange hat Gerd Friedrich, Bühne, sich ausgedacht. Daneben braucht es nur noch eine Matratze für Hanno, der öfters mal im Bett lümmelt, sein geliebtes Fußballalbum im Arm. Fußballbegeisterung ist das, was ihn mit seinem Vater verbindet.

Ives Pancera spielt den Jungen, spielt auch den mittelalten Hanno, der zu Beginn des Stücks von seiner verstorbenen Mutter Hartmuts Unterlagen geerbt hat, Ordner um Ordner mit Briefen, Dokumentationen, Eingaben, Flyern. Aber Hannos Erinnerungen an die für die Menschheit kämpfende, aber sich von ihm entfernende Mutter sind bittere. Und noch heute plagt ihn das schlechte Gewissen, eine alte Dame bestohlen zu haben, nur, damit Geld in der Sammelbüchse ist. Es war für eine große Sache, sagt seine Mutter, gerührt-ungerührt.

Michaela Conrad ist Marta in alt und jung, ist außerdem, breitbeinig und jovial, Kurt, wie er mit Wein und Zigarren zum neuen Untermieter stapft (und abblitzt), auch wie er mit Hanno Fußball guckt, das berühmte Fallrückzieher-Tor Klaus Fischers, das just am 16. November 1977 fällt und, angeblich, Gründlers Selbstverbrennung in den Nachrichten ganz nach hinten rücken lässt.

Pancera und Conrad spielen furios, trotzdem klingt er als kleiner Hanno bisweilen verflixt altklug und auch ein bisschen hölzern. Vielleicht ist das im Roman auch so, vielleicht der Umwandlung geschuldet. Der Stoff und seine Fragen aber sind allemal aktuell in einer Zeit lebensnotwendigen Engagements.

Freies Schauspiel Ensemble im Titania: 18., 19. Juni, 2., 3. Juli. www.freiesschauspiel.de

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