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„Apokalypse Resistance Training“: Ein Brief von Günter Grass

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Von: Sylvia Staude

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Verena Specht musste einst mitmarschieren. Katrin Schander
Verena Specht musste einst mitmarschieren. Katrin Schander © Katrin Schander

Politik im freien Theater: Ein „Apokalypse Resistance Training“ mit dem Theater Gruene Sosse.

Drei ältere Menschen mit Widerstands-Erfahrung erzählen aus ihrem Leben: „Apokalypse Resistance Training“, so der Titel der knapp einstündigen Aufführung des Frankfurter Kinder- und Jugendtheaters Gruene Sosse, ist kein Training, kein Einüben von irgendwas, aber dass es vor Fridays for Future, Baumhäuser im Hambacher Wald und anderem mehr bereits Aufmüpfige, leidenschaftlich politisch Bewegte, mutig Demonstrierende gegeben hat, das sehen junge Leute vielleicht mit Interesse.

Das von Leandro Kees sparsam, aber hintersinnig etwa mit Laufbändern inszenierte Stück war jetzt im Rahmen von „Politik im Freien Theater“ in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt zu sehen. Gar grausige Mini-Ausschnitte aus Katastrophenfilmen eröffnen, Städte bersten, brennen, werden von Riesenwellen verschluckt. (Wer würde nicht sofort an die im Moment jüngste Katastrophe, an Hurrican Ian denken?)

Nur Willy blieb sitzen

Mit der Klimakrise hatten die drei auf der Bühne (bisher) noch nicht zu tun: Willy Combecher weiß vor allem vom Anti-Vietnamkrieg-Protest und von der hiesigen Hausbesetzer-Szene zu berichten, von einer „Nacht der langen Messer“ auch, bei der in Frankfurt ziemlich wahllos junge Leute verhaftet und nach 48 Stunden irgendwo am Stadtrand wieder ausgesetzt wurden. Er habe sich einen Spaß daraus gemacht, die Beamten in Zivil abzuhängen. Rebellen-Erfahrungen machte er schon in der Schule, als man die Schülerzeitung außerhalb des Schulgeländes verteilen musste. Und aufstehen, wenn der Direktor in den Raum kam. Abgesprochen war, dass keiner in der Klasse aufstand. Aber, bitter, nur der junge Willy blieb sitzen, als es zum Schwur kommen sollte.

Detlef Köhler, ein Offenbacher, setzte sich „für den Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes“ ein, protestierte in Gorleben gegen ein Atommüll-Endlager und war in Frankfurt gegen die Startbahn West dabei. Er erinnert sich außerdem, dass einst keiner Rauke essen mochte, aber als die Pflanze dann als Rucola auf den Tisch kam ...

Für den Wessi am interessantesten aber ist, was Verena Specht-Ronique zu erzählen hat, die in der DDR und dort mit allem Drum und Dran wie Fahnenappellen aufwuchs. Und diese langweiligen Aufmärsche – da trabt sie auf dem Laufband und hält ein rotes Fähnchen hoch. Dafür gab es Urlaub in der Tschechoslowakei, wo die Familie eine Tante traf, die wegen eines Fluchtversuchs im Gefängnis war und dennoch weiter um die Ausreise gekämpft hatte. Der Höhepunkt für das Kind Verena: West-Cornflakes.

Dann sollte sie plötzlich lernen, ein Individuum zu sein. Dann interpretierte sie Günter Grass’ „Blechtrommel“ anders als die Lehrerin. Dann schrieb sie einen empörten Brief an Grass – und erhielt tatsächlich eine Antwort. Hinreißend die Tippfehler in dem auf die Rückwand projizierten Brief. Es gibt Szenenapplaus für diesen Schülerinnen-Widerstand und sein schönes Ergebnis.

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