Edward Albee als neugeborener Dramatikerstar bei einem Besuch in Prag 1963.
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Edward Albee als neugeborener Dramatikerstar bei einem Besuch in Prag 1963.

Nachruf Edward Albee

Zum Tod von Edward Albee

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Mann mit Gewicht um den Hals: Edward Albee ist mit 88 Jahren gestorben, der Autor, der keineswegs nur und doch vor allem der Autor von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ war.

Nick sagt zu George, er sei doch sicher schon lange hier (an dieser Uni), und George antwortet: „Was? Ja, schon seit meiner Heirat mit äh ... wie heißt sie noch gleich? ... Martha.“ Immer hört es im Theater jemand zum ersten Mal und muss lachen, und wer es schon zehnmal gehört hat, muss immer noch lachen.

Nick hingegen wird das vermutlich auch beim nächsten Mal nicht tun, denn der Stress, unter dem er steht, ist ungeheuer – Stress als karrierebewusster Neuling, der dem älteren Universitätskollegen gegenüber keinen Fehler machen will, Stress aber auch als verhältnismäßig normaler Mensch, der erst allmählich merkt, dass er unter Verrückten gelandet ist.

George wird voraussichtlich beiläufig bleiben, er hat weiß Gott mehr zu bieten als diesen wohlfeilen Scherz. Schon mit dem nächsten Satz holt er ja wieder aus, redet halben Unsinn, weil er getrunken hat, müde ist und Nick in Verlegenheit bringen will. Während Nick recht standhaft wirkt, vorerst noch.

Schauspieler haben hier einen engen Variationsrahmen, können etwas schneller verzweifeln, etwas früher schreien. Können insgesamt mehr Restliebe oder mehr Bitterkeit zeigen, aber an beidem kommen sie nicht vorbei. Auf Fotos sind Szenen meistens leicht wiederzuerkennen, obwohl sich einfach vier Personen, oft aber auch nur eine oder zwei, mit alkoholischen Getränken – das wirklich immer – in einem Raum befinden. Zu geschärft sind die Dialoge, zu genau die Situationen: Es ist nicht die Tradition, die die Darsteller in die Rollen hineinzwingt, es ist die fürchterliche innere Logik des Ablaufs, die natürlich an sich eine Unlogik ist, denn berechenbar sind George und Martha nur in ihrer Unberechenbarkeit.

Liz Taylor und Richard Burton, Harfouch und Matthes

Sogar ein ikonisches Paar wie Elizabeth Taylor und Richard Burton hat Martha und George (in Mike Nichols’ sensationeller Verfilmung von 1966) nicht verdrängt, sondern bloß besonders interessant dargestellt. So dass immer wieder Konstellationen nachkommen können, in unserer Zeit zum Beispiel Corinna Harfouch und Ulrich Matthes, auch schon wieder 14 Jahre und zahllose weitere Inszenierungen her.

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ ist in Edward Albees Leben das gewesen, was in Thomas Manns die „Buddenbrooks“ oder in Goethes der „Werther“ war. Der frühe gigantische Publikumserfolg, der sich in diesem Ausmaß nicht mehr wiederholen ließ, der seinen Autor zum ewigen „der Autor von …“ machte. Der Erfolg sei eine Medaille, die „wirklich schön, aber auch etwas beschwerlich“ sei, so Albee selbst.

Auch dieses Zitat hing ihm dann über die Jahrzehnte an. Ebenso wie das Kuriosum, dass ausgerechnet „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ – offenbar um Haaresbreite – keinen Pulitzer gewann, was zum Austritt von empörten Jury-Mitgliedern führte. Denn es ist nicht so, dass der Welt entgangen wäre, was für ein außergewöhnliches Theaterstück 1962 seine Uraufführung in New York fand. Einen „Tony“ gab es dann auch durchaus, und später bekam Albee den Pulitzer dreimal, Mitte der Sechziger für „Empfindliches Gleichgewicht“, Mitte der Siebziger für „See-Eskapade“ und in den Neunzigern schließlich für „Three Tall Women“.

Das täuscht jedoch. Mit „Seascape“ begann eine kleine Reihe von regelrechten Misserfolgen, mehr in den USA als in Wien, wo die Uraufführung stattfand. Auch Albees Debütstück, der Einakter „Die Zoogeschichte“, war 1959 zuerst in Berlin am Schillertheater gezeigt worden, bevor es an eine Off-Bühne nach New York kam. Man deutet nicht zu viel hinein, wenn man auch daraus schließt, dass Albees Verhältnis zu den USA ambivalent war.

Zwei Amerikaner, am Ende ist einer tot

Das lag nicht zuletzt daran, dass der Autor dem amerikanischen Leben und Träumen böse Stiche versetzte – schon „Die Zoogeschichte“ ließ und lässt sich zwar auch ganz allgemein interpretieren, gleichwohl sind es zwei Amerikaner in einer vorerst idyllisch und harmlos anmutenden Central-Park-Szene. Sie endet damit, dass einer der beiden tot und der andere auf immer verstört ist.

George W. Bush nannte er unverhohlen einen „Kriminellen“ und wandte sich überhaupt vehement gegen den Kapitalismus – eine angesichts seiner ausgezeichneten finanziellen Situation etwas zwiespältige Haltung –, in dem er den Niedergang ernsthafter Kunst witterte. Die Zensur sei hier der Kommerz, erklärte er mit Blick auf den für die Theaterszene in den USA nach wie vor extrem einflussreichen Broadway.

Schwierig hatte Edward Franklin Albees eigene Biografie begonnen. 1928 wurde er vielleicht in Washington geboren – heute ist man sich nicht mehr sicher – und kurz nach seiner Geburt zur Adoption freigegeben. Seine Kindheit in der Familie des Theater-Unternehmers und Multimillionärs Reed Albee beschrieb er später als zutiefst unglücklich und auch tatsächlich glücklos. Der Adoptivvater sei enttäuscht gewesen, dass er keinen bürgerlichen Beruf (Arzt, Anwalt) habe ergreifen wollen (können), und entsetzt über seine Homosexualität. Es habe ihn, Edward, froh gemacht, als er mit fünf Jahren erfahren habe, dass seine Eltern nicht seine Eltern waren.

Albee besuchte Internate, studierte kurze Zeit Mathematik, jobbte dann in Greenwich Village als Verkäufer bei Bloomingdales, als Western-Union-Kurier und als Barmann. Er entwickelte ein Alkoholproblem, scheiterte (nach eigenem Bekunden) an Gedichten und einem Roman und fing an, Theaterstücke zu schreiben. Er schrieb schnell. Die Dialoge saßen ungemein, die Situationen saßen fast immer, die Form war häufig nach avantgardistischen Maßstäben unauffällig, die Sozialkritik nicht immer so stark im Vordergrund, wie seine Fans es sich wünschten.

Mit einer Ziege lässt sich schwer konkurrieren

Seit 1962 war Albee ein berühmter Mann. Er arbeitete weitgehend kontinuierlich weiter, holte den Großerfolg nicht mehr ein, wurde aber immer wieder viel gespielt und hochgelobt, so 2002 mit dem etwas durchgeknallten Stück „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ – hier ist es ein hübsches Tier, das zwei Eheleute in ihrem biederen Glück aufscheucht. Es erweist sich als ausgesprochen schwierig, mit einem Tier zu konkurrieren. Zugleich ist „Die Ziege“ eine selbstironische Variation der Ehekonflikte, die Albees breites Dramenwerk durchziehen.

Vor knapp zehn Jahren erlag Albees langjähriger Partner einem Krebsleiden, viel jünger als er, eine der tragischen Überraschungen, die das Leben bereithält. Am Freitag starb Albee selbst 88-jährig in seinem Haus auf Long Island, „friedlich nach kurzer Krankheit“, wie sein Assistent am Wochenende mitteilte. Amerika hat nach Tennessee Williams und Arthur Miller den letzten prägenden Dramatikerweltstar seines Nachkriegstheaters verloren.

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