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Zart, aber hart: Heiko Raulin als Brand, der seine allmählich verzweifelnde Agnes, Jana Schulz, wieder einnordet.

Theater

Dunkles Norwegen

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Das Schauspiel Frankfurt zeigt Henrik Ibsens „Brand“ mit der gebotenen, aber anstrengenden Humorlosigkeit.

Dieser Pfarrer ist beinharter Verfechter eines „Alles oder nichts“, so dass Henrik Ibsens dramatisches Gedicht „Brand“ bei allem Anspruch und Ernst nicht so kompliziert ist, wie man es sich bei einem dreistündigen Theaterabend – aber inklusive dringend notwendiger Pause zum Gickeln – wünschen könnte. „Alles oder nichts“ verlangt Brand von sich und anderen und wiederholt es oft genug. Er lässt seine sterbende Mutter allein, die ihm nicht reuevoll genug erscheint, opfert seinen eigenen Sohn den schlechten Lebensbedingungen, auf die er sich einst festgelegt hat und die er auch seiner sanften, nach dem Tod des Kindes verzweifelnden Frau aufdrängt.

Schmerzvolle Szenen in Frankfurt, wenn Jana Schulz die verbliebene Kinderwäsche – die Dinge überleben uns, und ein gestorbenes Kind überleben sie erst recht und in schamlos gutem Zustand – an die gleichmütig wartende Heidi Ecks als bedürftige Frau weitergeben soll. Heiko Raulin pädagogisiert eindringlich. Seine Verblendung, die er für Durchblick hält, ist natürlich gespenstisch. Seine Frau soll nicht nur tun, was sie nicht will, sie soll es auch noch gerne tun. Wie dogmatische Rechtschaffenheit alle Liebe und alles, was man liebt, niederwalzen kann, wird hier unverblümt durchexerziert.

150 Jahre später – „Brand“ entstand 1866, das „dramatische Gedicht“ war zunächst als Lesestoff erfolgreich, zur Uraufführung kam es erst 1885 – ist sich eine liberale Gesellschaft darüber sicher im Klaren. Andererseits hat Brands Rigorosität erneut moderne Züge, auf die durch einen Verzicht an aktualisierenden Andeutungen, namentlich durch Ellen Hofmanns zeitlose, dezente Kostüme jeder selbst kommen darf. An fundamentalistische Christen in den USA lässt sich ohnehin denken, aber auch an berechtigte Diskussionen darüber, wie man fortan mit den Problemen des Planeten fertig werden soll. Heuchelei kann man Brand übrigens nicht vorwerfen, er richtet sich auch selbst zugrunde, zögernd, aber konsequent.

Eine gegenwärtige Konstellation. Nur sind Ibsens Ausführungen in Maßen schillernd. Brands Gegenspieler wirken eher abgebrüht in ihrem Weiter-So, zu einer intellektuellen Auseinandersetzung im engeren Sinne kommt es nicht: Uwe Zerwer ist in Frankfurt der von Kopf bis Fuß staatskirchlich eingestellte Probst (man ahnt, was das für eine brisante Figur gewesen sein muss), Isaak Dentler hat einen fulminanten, vor Lebendigkeit glühenden Auftritt als wendiger, hemmungslos den Mehrheiten sich anpassender Politiker mit güldener Amtskette, die einem zu Unrecht bekannt vorkommt. Er will, hochaktuell, die Infrastruktur am abgelegenen Ort ausbauen. Während es Brand um geistiges Fortkommen zu tun ist, würde der Landrat den Bewohnern gerne erst einmal die Möglichkeit geben, von A nach B zu kommen, wie es in der neuen Prosaübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel heißt.

Diese ist der Ausgangspunkt der Produktion und wie sie unaufdringlich zeitgenössisch. Die Befreiung von Versmaß und Reim ermöglicht der Übersetzung eine nüchterne Präzision. Gefördert wurde die Übertragung vom norwegischen Norla-Zentrum, das den Gastland-Auftritt Norwegens bei der Buchmesse organisiert. Es leuchtet ein, dass ein Werk gewählt wurde, das in Norwegen sehr einflussreich war, in Deutschland indes weit hinter dem Erfolg des ein Jahr jüngeren „Peer Gynt“ zurückblieb. Als dessen Gegenpol es sich in der Inszenierung von Roger Vontobel im Schauspielhaus darstellt – erst recht, wenn man Max Simonischek in Andreas Kriegenburgs ausschweifender Lesart vor Augen hat, Simonischek, der Peers sterbende Mutter wahrhaft anders umfing.

„Brand“ ist nun dem menschlich etwas verkümmerten Titelhelden entsprechend von einiger Kargheit. Auch zeigt sich der Versuch, ein so selten gezeigtes Stück nicht gleich zu problematisieren, sondern auszubreiten. Was immer noch ein gewaltiges Textkürzen bedeutete.

Die Kargheit führt zu einem blutarmen Spiel, gleichwohl zu großen Bildern. Die Bühne von Olaf Altmann ist eine weite, tiefe, sich vorne (wie bereits vorab der Nebel) noch etwas in den Zuschauerraum schiebende Gegend. Hinten kann der Boden hochgezogen werden, dann entsteht ein höchst symbolischer Riesenpfeil, nachher – Brand hat sein Erbe in eine neue, größere Kirche gesteckt – mattgold schimmernd. Norwegen erscheint ansonsten als Reich der Dunkelheit, der Boden etwas wankend und fragil wie in der ersten Szene, einer gefährlichen Gletscherüberquerung. Auch sie ein zappedusterer Spiegel von Peer Gynts späterer toller Bocksritt-Fantasie.

Weit hinten im Dunkel ist der Musiker Keith O’Brien (Gitarre, Elektronik) nur zu erahnen, Katharina Bach singt, die als Gerd eine Art Dämonchen darstellt. Mit technisch versierten Krähenschreien und einem fabelhaft vogelhaft zusammenklappbarem Körper vertritt sie das Ungemütliche und die Verlockung zum offiziell Bösen (der Brand selbstverständlich widersteht). Während Nils Kreutinger und Jana Schulz als lebenslustiges Brautpaar der einzige Lichtblick sind, eine Portion Lebensfreude. Agnes aber wird Einar loslassen und Brand folgen. Schulzes Entschlossenheit hat nichts Unterwürfiges, es ist ihre Entscheidung, und Vontobel schließt nicht aus, dass Brand und seine Frau und das kleine Kind glücklich werden könnten.

Die Entwicklung, wenn man von einer Entwicklung sprechen will, ist freilich weniger psychologisch komplexer als eherner Natur, nach Brands Art also. So erschütternd der Tod des Kindes ist, vom Arzt, Michael Schütz, an diesem sonnenlosen Ort bereits prognostiziert, so verhalten wird das nach der Pause doch auch präsentiert. Brand kann nicht anders. Seine eigene Schuld, mit der er nur durch den fortwährenden Rigorismus noch fertig werden kann, rückt ihm nie wirklich ins Bewusstsein. Dass Vontobel sich dem so ernsthaft hingibt, auch Brands Bedächtigkeit als Teil seiner raumgreifenden Humorlosigkeit, hat Noblesse, lässt den Abend auf Dauer aber erstarren. Ein nordischer Protestantismus nimmt sozusagen überhand.

Schauspiel Frankfurt: 21. Oktober, 2., 7., 11., 13., 15., 21., 29. November. www.schauspielfrankfurt.de

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