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Das dreifache Luluchen

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Ariane Labed (Jack, v.l), Isolda Dychauk (Mr. Hopkins), Christian Friedel (Alwa Schöning) und Anna Drexler (Lulu), fotografiert während der Fotoprobe zu Frank Wedekinds «Lulu» am Mittwoch, 16. August 2017, auf der Perner Insel in Hallein.
Ariane Labed (Jack, v.l), Isolda Dychauk (Mr. Hopkins), Christian Friedel (Alwa Schöning) und Anna Drexler (Lulu), fotografiert während der Fotoprobe zu Frank Wedekinds «Lulu» am Mittwoch, 16. August 2017, auf der Perner Insel in Hallein. © dpa

Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat bei den Salzburger Festspielen zur Monstretragödie von Frank Wedekind arg wenig zu sagen.

Die maximale Brüskierung, die Frank Wedekinds Lulu-Drama in den 1890er Jahren bot, ist weiterhin zu erahnen, aber entschärft. Immerhin fragt noch das Vorwort eines Goldmann-Taschenbuchs aus den Sechzigern, ob es sich hier wirklich bloß um „eine Aneinanderreihung von Unsittlichkeiten und Abnormitäten“ handele, eine rhetorische Formulierung, die aber daran erinnert, wie still es um das nicht geist- oder ertragreiche Wort unsittlich geworden ist. Das macht den Blick frei auf die wirklichen Rätsel der „Monstretragödie“, die der mit Prozessen überzogene Autor im Zuge gerichtlich verlangter und künstlerisch gewollter Nacharbeitungen in die beiden Titel „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ teilte. Die Frage, wer Lulu ist, diese für eine Männerfantasie zu originelle, für eine Frauenfantasie zu unentschlossene, für eine Femme fatale zu patente, für ein Missbrauchsopfer zu gutgelaunte, für einen Menschen zu unwahrscheinliche, für ein Tier aber zu menschliche Kunstfigur, steht dabei weiterhin im Raum. 

Bei den Salzburger Festspielen, die zur seltener gezeigten, noch etwas unverblümteren fünfaktigen „Urfassung“ von 1894 gegriffen haben, versucht es die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari mit einem vorerst amöbenhaften Wesen. Es ist ein in die Breite gehender, sich regender und räkelnder Flatsch, aus dem mittels Zellteilung drei Lulus werden, Anna Drexler, Isolda Dychauk und Ariane Labed. Sie sprechen teils chorisch, bewegen sich vorerst im Gleichtakt (das eine passt so wenig zu Lulu wie das andere), nachher sind sie weitgehend einfach Drillinge. Es gehört zu den Überraschungen des Abends, wie wenig Tsangari aus dieser nicht verblüffenden, aber ausbaufähigen Vielfalt macht. Verständlicherweise vermeidet sie es, den drei Darstellerinnen mögliche Lulu-Aspekte zuzuordnen, aber die nur ein wenig wimmelige Dreieinigkeit ist trotz neckischer Plüschkostüme (Beatrix von Pilgrim) allzu schlicht. Alleine Anna Drexler gelingt es zuweilen – vor allem gegen Ende, in London –, sich zu emanzipieren und ihrer Lulu das Minimalprofil einer vitalen und unverklemmten Verliererin zu geben. Insgesamt ist die dreifache Lulu eine Leerstelle, ohne dass man darauf hoffen dürfte, das wäre Absicht. 

Nicht respekt- und hilflos

Tsangaris erste Theaterarbeit stellt sich stattdessen als zweistündige pausenlose und nicht respekt-, aber hilflose Unbedarftheit dar. Sie begnügt sich mit bescheidenen Deutungen – etwa der naheliegenden Parteinahme für die Gräfin Geschwitz, was Fritzi Haberlandt nicht schwer fällt – und mit einer Freude am Dekorativen und am für eine Filmemacherin sicher interessanten Theaterspezifischen. Die technischen Möglichkeiten in der Halle auf der Perner-Insel sind begrenzt, aber Florian Lösche hat einen schwarzen Boden auslegen lassen, in dem einigermaßen versteckte Löcher lustige Auftritte und Abgänge ermöglichen. Wie die choreografischen Elemente ist das aber zu wenig ausgetüftelt, vielleicht auch durch das berechtigte Misstrauen, hier inhaltlich in keinem spezifischen Bezug auf das Drama zu arbeiten. Dem Beliebigkeitsproblem, an dem selbst Robert Wilsons maßstabsetzend gutaussehende Inszenierungen laborieren, wird in dieser Miniatur-Form jedenfalls kein Wilsonsches Virtuosentum entgegengeschleudert. 

Dekoration auch die großen gräulichen Blasen, die wirkungsvoll, aber nachher bedeutungsleer die Bühne bedecken und später als Raumteiler Verwendung finden. Ihre Kurzehe mit dem Kunstmaler Schwarz verbringen die Lulus innerhalb solcher Ballons. Schigolch findet die Reißverschlüsse. Zwischen den Akten zeigt Tsangari auf den Ballonflächen zudem attraktive Videoarbeiten, große Augen zwinkern uns an – weit weniger peinlich als die belanglosen Sexschnecken (Animation: Renee Zhan), die innerhalb der Akte für Belebung sorgen sollen. Über allem liegt fast beständig ein Klangdesign (Mauricio Pauly), das klackernd, rauschend und atmend Bedeutung insinuiert und Leere füllt.

Wenig herausgefordert wirken die Schauspieler. Die Möglichkeit, dass die Männerrollen durch Lulus herumtänzelnde Abwesenheit in den Mittelpunkt gerückt, gar gezwungen werden könnten, tritt nicht ein. Sie erwachsen aus dem Boden oder entkrabbeln ihm, dann zeigen sie ihre ausgesucht variierten Herrenanzüge und Frisuren – weitgehend smarte Angehörige des modernen Kulturbetriebs – und rezitieren stehend und gehend ihren Text. Gedrosselt bleibt etwa Rainer Bock, von dessen Schigolch doch viel zu erhoffen gewesen wäre. Gänzlich mit der linken Hand serviert er zuvor noch den Medizinalrat Goll ab, dessen Nachfolger Schwarz es beim spät eingesprungenen Maik Solbach wenig besser ergeht. Auch Steven Scharf und Christian Friedel als Vater und Sohn Schöning sind weitgehend mit dem Herunterspielen befasst, tatsächlich zugleich dem Nonchalantsein und dem Absolvieren einer nicht näher definierten Rolle. Innerhalb der sich ähnlich sehenden Herren sehen sie sich besonders ähnlich. Allein Benny Claessens als Rodrigo besteht als weichlicher Muskelmann auf Eigenwilligkeit. 

Ihren Traum, einem Lustmörder zu begegnen, erfüllt sich Lulu schließlich selbst. Denkbar (zumal, wenn man zu dritt ist), aber unwahrscheinlich. Danach bleibt der liebenden Gräfin das letzte Wort, tapfer steigert sich Fritzi Haberlandt in einen sehr nach innen gerichteten Monolog. Dann wird es dunkel. Dann kann das Premierenpublikum kaum schnell genug aufhören zu klatschen und juchzt nur wenig und buht fast nicht, denn es war ja nicht böse gemeint. Es geriet aber unversehens zur Reklame für hochprofessionelles und hochreflexives Regiehandwerk, wie es Karin Henkel am selben Ort mit ihrer „Rose Bernd“ bietet. Oder Andrea Breth im Landestheater mit der „Geburtstagsparty“. Salzburgs Schauspielabteilung reißt es unter ihrer neuen Direktorin Bettina Hering mit den erfahrenen Theaterhäsinnen heraus. 

Salzburger Festspiele, Perner-Insel: 19., 20., 22., 24., 25., 27., 28. August. www.salzburgerfestspiele.at

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