Olga, Mascha, Irina (von oben nach unten).
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Anton Tschechows „Drei Schwestern“ in Mainz.

Staatstheater Mainz

„Drei Schwestern“ in Mainz: Im Wartesaal des Lebens

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Das Gegenteil eines Aufbruchs: Anton Tschechows „Drei Schwestern“ in Mainz.

Das Leben als Wartesaal manifestiert sich besonders gerne in Bühnenbildern, wo das ganz gut geht, weil Realität im Theater ein relativer Begriff und nach ein paar Stunden vorbei ist. Für Anton Tschechows „Drei Schwestern“ ist das zudem besonders geeignet, weil es hier schier unerträgliche Formen annimmt: Das Warten (auf den Umzug nach Moskau) ist dabei lähmend und belebend zugleich. Gearbeitet wird zudem –, sofern gearbeitet wird – immer außerhalb der Szenen. Zurück auf der Bühne ist man todmüde.

Die norwegische Regisseurin Maren Elisabeth Bjørseth und ihre Bühnenbildnerin Katrin Bombe arbeiten also vorerst mit Sitzreihen, wie sie in Hallen aller Art vorkommen können. Hier sitzen Teile des Personals schon bereit, es ist dann ein Kommen und Gehen. Mehr oder weniger lebhaft kann sich die Bühne streifenweise heben und senken. Denn es ist eine Unruhe da, aber es geschieht wenig, ein zehrender Zustand, dessen diverse Facetten Bjørseth und das Ensemble in deutliche, dabei distanzierte Bilder setzen.

Staatstheater Mainz:  7., 12., 19., 22., 28. März. www.staatstheater-mainz.com

Das Exaltierte steht neben dem Beherrschten, der Zynismus neben der Bescheidenheit – Bescheidenheit ist auch nicht immer auszuhalten –, die naive Hoffnung, dass doch noch etwas kommen könnte, neben den partiellen offenen Verzweiflungsanfällen. Melancholie und das Elegische wurde hingegen gemieden. Auch dadurch wächst die Entfernung zu doch ganz angenehmen Gefühlen wie Mitleid oder wenigstens Empathie. Hier wird man ohne sie auskommen müssen.

Die Figuren werden dabei maßvoll typisiert. Letztlich uninteressant zu sein, ist auf einer Bühne besonders schwierig, aber hier wird es weitgehend durchgezogen: Die tapfere, unabhängige Olga ist bei Hannah von Peinen ganz verschlossen, die glücklos verheiratete Mascha zeigt Kristina Gorjanowa als unverbindliche Puppe, in der ein Vulkan grollt, Gesa Geues Irina ist von konsequenter Unbedarftheit. Schwägerin Natascha, Elena Berthold als kalte Schreckschraube, und die Männer um sie her sind teils Karikaturen – der schlappe Bruder Andrej, Denis Larisch, der gewalttätige Unsympath Soljony, Johannes Schmidt, oder der gleichgültige Tschebutykin (hier als FR-Leser, deprimierend), Martin Herrmann –, teils sind sie unauffällig. Maschas Flamme Werschinin, Klaus Köhler, und der anständige Tusenbach, Simon Braunboeck, sind quasi dazu verdammt, gleich wieder vergessen zu werden.

Wenn die Regie überhaupt Sympathien zeigt, dann vielleicht am ehesten mit Maschas Mann, Murat Yeginer, der nach Art des ungeliebten Menschen zwar eine unglückliche Figur macht, aber das doch mit Würde. Nicht beiläufig behandelt wird auch die alte Kinderfrau Anfissa, Monika Dortschy, für die sich eine Miniutopie auftut.

Bjørseth stilisiert dabei nicht sehr stark, das gibt dem Abend, 2 Stunden, 40 Minuten, eine diskrete Lebendigkeit im Detail. Es gibt choreografische Elemente, einige Songs, dazu nette Gickelszenen, wenn die Schwestern einmal unter sich sind, alles nichts Besonderes, aber so sind Schwestern, wenn sie unter sich sind, und so ist das Leben.

Zusammen mit den Kostümen von Veronika Bleffert ergibt sich eine nicht weiter thematisierte Rückwärtsbewegung. Aus Frauen von heute werden am Ende drei Frauen in langen Röcken, die sich zum Gruppenbild nun auf ein Polstermöbel setzen. So setzt Bjørseth ans Ende das Gegenteil eines Aufbruchs.

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