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Allerlei Figuren in „Drei Schwestern“ in heller Aufregung und in einem attraktiven Bühnenbild.

Staatstheater Darmstadt

Der böse Blick

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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„Drei Schwestern“ in Darmstadt stellt Olga, Mascha und Irina ein so schlechtes Zeugnis aus, dass es eindimensional wird.

Früh hat das Staatstheater Darmstadt angefangen, mit Ideen im Netz auf die plötzliche Schließung zu reagieren. Auch zum Saisonstart ist es nicht verlegen, wenn es darum geht, flott zu verknüpfen, was das Theater im realen und virtuellen Außen- oder Innenraum tun kann. „Sisterhood“ heißt der „Audio-Theater-Spaziergang“ im Darmstädter Stadtraum, mit dem die Theaterwerkstatt vom 27. August an die „Drei Schwestern“ flankiert: Vielleicht genau das richtige Angebot für alle, in denen sich zuletzt ein Mehrbedarf angestaut hat, die keine Karten für den gegenwärtig ziemlich exklusiven Innenraum bekommen oder die das Hölderlin-Spielzeitmotto „Komm ins Offene“ derzeit besonders wörtlich verstehen.

Denn im Theater selbst darf es derzeit nicht zu gemütlich werden. Es gilt Kontaktformulare auszufüllen und sich nicht unnötig zu tummeln. Anders als in Salzburg sitzt das Publikum in Darmstadt wie zuletzt gehabt: drei freie Plätze zwischen den Haushalten, jede zweite Reihe bleibt unbesetzt.

Die Premiere von Anton Tschechows „Drei Schwestern“ in der Regie von Katrin Plötner war für Ende März geplant. Wie auch immer es damals ausgesehen hätte, in die aktuelle Lage passt sich die Bebilderung jetzt ein. Weder uns hier draußen noch einander kommen die Figuren nahe. Gegen ihre Langeweile ist kein Mittel. Ein Ausweg aus diesem Ort, aus diesem Leben und aus diesem Spielquadrat zeigt sich nicht.

Frühes Ende der Melancholie

Camilla Hägebarths Bühne und Johanna Hlawicas Kostüme sind dominant, und auch wenn sie sich in einer Molière- oder Feydeau-Komödie besser gemacht hätten, dienen sie Plötners Ansatz, die Unzufriedenheit, Überreizung, tatenlose Verzweiflung vollständig und karikierend nach außen zu stülpen. Nach dem Vortrag eines russischen Liedes zu Kerzenschein ist es mit dem Melancholisch-Romantischen vorbei und zeigt sich die Bühne in ihrer illustrativen Pracht. Die Rückwand ist ein schräger Spiegel, der die Figuren abwechslungsreich doppelt. Wer unten liegt und zappelt – und es wird sehr viel dort unten gezappelt –, scheint hinten im Spiegel auf der Stelle zu rennen. Der Boden korngelb, der Spiegel damit goldfarben schillernd, die Kostüme farbenfroh und ausgesucht, und die katatonischen Bewegungsvorgänge nervös ausschweifend oder verkrampft statisch – vor allem die markanten Damenschuhe werden dabei skulptural ausgestellt: Auch wenn die Familie Prosorow von dieser Exaltiertheit besonders betroffen ist, herrscht im Allgemeinen große Unruhe.

Dekoration und Pose

Plötners Inszenierung kennt hier kein Erbarmen und selten eine Nuancierung. Antonia Labs als Olga mag etwas gefasster wirken, Marielle Layher als Mascha etwas entnervter und Edda Wiersch als Jüngste, Irina, am umfassendsten losgelassen, der Bruder Andrej, Hans-Christian Hegewald, mag im Hintergrund vor allem in orginellen Stellungen lesen. Aber das Interesse, das sie damit hervorrufen, bleibt vornehmlich im Dekorativen, in der Pose. Das Grelle und Tschechows frappierende Menschenkenntnis gehen selten, manchmal dann aber doch ernsthaft überein: Ja, Menschen schnappen vor laute Unglücklichsein nach Luft und hauen gegen die Wand. Aber das tun sie nicht die ganze Zeit, auch tun es nicht alle. „Drei Schwestern“ als reines Tableaux einer degenerierten, optisch aufgezwirbelten und dabei aber doch erstaunlich lahmen Gesellschaft zu sehen, ist dann doch nicht neu und vor allem nicht weiterführend genug. Ein Tableaux eben, 105 Minuten lang.

Die übrigen Figuren werden in das fallsüchtige Gezuckel entweder einbezogen, Mathias Znidarec als Tusenbach etwa, oder sie bleiben außen vor. Die häufig eher als Zerrbilder präsentierten Angeheirateten, Robert Lang-Vogels als Maschas spießiger Mann, Katharina Knap als Andrejs kleinbürgerliche Frau, sind recht unauffällig. Selbst wenn man diesen bösen Blick auf die Schwestern sogar teilen würde, auf diese durchaus üble Mischung aus Egoismus, Jammerei und als Träumerei getarnte Schlappheit nämlich, zeigt sich, dass Verächtlichkeit gegenüber dem Personal eines Stückes letztlich dem Theaterabend nicht dient, ihn eindimensional macht.

Staatstheater Darmstadt, Kleines Haus: 30. August, 10., 12., 24. September. www.staatstheater-darmstadt.de

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