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Heute im Mousonturm: „Gurren und Fiepen“.

Theater

Dosenmahlzeiten

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Neues und Fortgesetztes: Auch die Oper Frankfurt veranstaltet jetzt Wohnzimmerkonzerte.

Beim Behelfen und beim Nicht-ganz-unsichtbar-Werden entstehen auf den Internetseiten der geschlossenen Theater flüchtige Minutenstücke, die zusammengenommen dereinst die Dokumentation eines Ausnahmezustands sein werden. Hier mischen sich Leidenschaft, Improvisation und manchmal auch Nonchalance, mischen sich Traurigkeit und Selbstironie, Zuneigung zur Arbeit und Zuneigung zum am 13. März 2020 vorerst unsichtbar gewordenen Publikum.

Es ist so luftig (obwohl es oft verflixt eng ist), als sollte immer klar bleiben: es ist ein Ausnahmezustand, ein Behelf, ein Pausenfüller, nicht das, worum es wirklich geht. Es gibt Gründe, das zu betonen, wenn man die vorauseilenden „Es gibt Wichtigeres als ...“ und „Zuerst muss ...“ aus der Frankfurter Stadtpolitik hört.

Gleichwohl hält sich unsereiner vorerst an die gelegentlich auch prosaische „Lyrische Hausapotheke“ des Schauspiels Frankfurt, auf der seit vorgestern etwa Stefan Graf Kafkas „Der plötzliche Spaziergang“ als echtes Nachtstück vorträgt. „Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben ...“, ein perfektes Fundstück für heimatlos gewordene Theaterbesucherinnen und -besucher und bei Graf noch dazu mit lakonischer Pointe.

Wer es noch liver will, achtet auf das neue Operfrankfurtzuhause-Programm, bei dem am Dienstagabend der junge österreichische Bariton Liviu Hollender um 20.30 Uhr ein erstes Wohnzimmerkonzert veranstaltet hat. Man kann die Konzerte nämlich direkt anschauen (auf Facebook, für ostentative Nichtfacebooknutzer leicht zu finden), später (jetzt!) auch auf der Seite der Oper zum Nachhören. An die Gattung der gehobenen Hausmusik hat man sich gut zweihundert Jahre nach „Mansfield Park“ inzwischen wieder gewöhnt, aber der Sänger am Bösendorfer in der Wiener Wohnung seiner Eltern: Das ist schon ziemlich fein.

Er begleitet sich selbst zu Papagenos Auftrittsarie, beim Duett „Là ci darem la mano“ aus „Don Giovanni“ schlüpft seine Mutter an den Flügel, damit er selbst die Zerlina mit der Klarinette einspielen kann. Auch die cellostudierende Schwester und schließlich noch der wacker singende Vater finden sich ein.

Seltsamer ist, dass man sich daran gewöhnen kann, abends bei der Aktion „Canned“ auf der Seite des Mousonturms vorbeizuschauen. Das Offenbacher Trio YRD.Works kocht hier gegenwärtig jeden Abend ein Dosenessen, das man online und telefonisch bestellen kann. Drei feststehende Kameras zeigen drei lichte, karg ausgestattete Räume: Im ersten werden die Bestellungen aufgenommen, im zweiten wird zubereitet und gekocht, im dritten werden die Portionen eingedost. Details sind nicht zu erkennen, es wirkt alles recht reinlich, aber auf hypnotisierende Weise schlapp.

Obwohl die drei Männer zweifellos ihren Job erledigen, bleibt Zeit, am Handy zu daddeln und sich zu fragen, ob Bier kalt steht. Als Spiegelbild einer Arbeitswelt ist das eine ziemliche Farce, ohne jenseits der Kunst-aus-der-Konserve-Devise komisch zu sein. Aber da kein Mensch es aushält, ständig zuzuschauen – auch ist die Musikauswahl gelegentlich indiskutabel –, besteht die Möglichkeit, dass man irrsinnige Szenen verpasst. Als Spiegelbild fürs stoische Weitermachen ist „Canned“ hingegen nicht verkehrt.

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