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Doris Uhlich „Gootopia“ im Mousonturm: Es lebe der Schnodder

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Von: Marcus Hladek

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Aus Schleim geboren: Szene aus „Gootopia“.
Aus Schleim geboren: Szene aus „Gootopia“. © Alexi Pelekanos

„Gootopia“ von Doris Uhlich als deutsche Erstaufführung im Mousonturm.

Blut ist ein dramatischer Saft. Schleim nicht: er löst nur Ekel oder Neugier aus. Dabei zählt auch er, als Phlegma, zu den Körpersäften der alten Humoralmedizin. Zum Glück schüttelt die Moderne gern alles durch und treibt Niederes in die Höhen. Was wäre das heutige Performance-Genre ohne die Subkultur der Revuen und Tanzcafés um 1900? Wo stünde Samuel Beckett ohne Buster Keaton?

„Gootopia“, das Spektakel der angesagten Choreografin Doris Uhlich für sechs Tänzerinnen und Tänzer im Frankfurter Mousonturm, trägt solche Aufwertung im Titel aus „goo“ (Schleim) und Utopia. Im Saal ergibt sich der Eindruck, dass am Urgrund ihres Stücks für die „Tanzplattform“ ungewöhnliche Inspirationen standen. Da lugt womöglich der Filmklassiker „Der Blob“ durch, zumindest aber eine Pippi-Langstrumpf-Lust am Spiel mit Rotz und Teig und Pfützen.

Pfützen und Gelege

Wer sich als Publikum frei umherbewegt, steht und sitzt, hat eine amöbenhaft ausgebuchtete, wenige Zentimeter hohe Gummi-Einfriedung rund um die Spielfläche vor Augen, plus Stellwand mit Mikrofon links. Hinzu kommen etliche Eimer, flache Schleimpfützen (eine wie ein Einzeller in der Teilung) und ein Gelege aus Schleimkugeln sowie Knieschoner und Fensterputzer. Manche Eimer enthalten den fahlen Schleim, andere bloß Wasser, Schläuche, Textilien.

Was diese Installation (Bühne: Juliette Collas, Philomena Theuretzbacher) samt Boris Kopeinigs Musik im neutralen Licht zur installativen Performance macht, sind die sechs Akteure, die meist so nackt agieren wie beim glitschigen Austritt aus dem Geburtskanal, den sie x-fach nachstellen werden. Da sind der Brasilianer Pêdra Costa mit Tattoos und haariger Satyrnstatur und Emmanuel Obeya, der Nigerianer aus London mit Forsythe-Erfahrung. Grete Smitaite mit ihren kecken Stoppelhaaren kommt wie der hagere Andrius Mulokas aus Litauen. Sodann Camilla Schielin und Ann Muller mit ihrem schönen Körper und interessanten Gesicht.

Nun ist der Mensch mit allem, was er in Mund, Nase, Vagina und Organen an Schleim vorzuweisen hat, nur Erbe von Meisterschleimern wie den Schnecken, die ihre feuchte Welt vor 530 Millionen Jahren ins Trockene mitnahmen und dabei blieben. Mit ihnen ist kaum mithalten. Dafür vermag der Mensch, was umgekehrt nicht geht: Schnecke zu spielen. So beginnt es: Menschen auf einer Schleimspur im Raum.

Neunzig Minuten lang, angestachelt vom Soundscape, werden die sechs mit dem Schleim als siebtem interagieren: halten den Schnodder an sich wie Nachgeburt, hüllen sich hinein wie in eine Tunica (Tunica mucosa gleich Schleimhaut), schleudern ihn empor, dass er auf sie niederprasselt.

Mal gleiten die sechs liegend darin und bilden eine Sechserkette wie die Chemie ihrer Polysaccharide. Essen Schleim, produzieren per Schlauch Atem- und Verdauungsgeräusche, überschütten sich als Schleim-Pietà, blicken konturlos hindurch wie Francis Bacons Päpste. Starren an Rotzfäden herab wie Vogelscheuchen. Blubbern und schmatzen, fälteln und schüttern, kneten, platschen, unermüdlich. Drehen kniend eine Tänzerin in der Mitte um und um wie ein Ballerinapüppchen, werfen Blasen wie im Pizzaofen. Und legen endlich Kostüme an, um gestiefelt oder in Pelzjacke (Kostüme: Zarah Brandl) letzte Posen auszuprobieren.

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