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Berlin

„Don’t be evil“ in der Volksbühne: Zurück zur Spucke

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Nicht ohne didaktische Sendung: Kay Voges’ internetkritisches Bebilderungstheater „Don’t be evil“ in der Berliner Volksbühne.

So ein Speichelregen gehört vielleicht zu den weniger vermissten Seiten der überwundenen Face-to-face-Kontakte. Aber er weckt nostalgische Gefühle und erinnert an die guten alten Freuden des Miteinandersprechens. Es war nicht alles schlecht, jedenfalls wird nicht alles gut.

In dem jetzt in Berlin uraufgeführten Volksbühnenstück „Don’t be evil“ geht es um das Internet und die virtuelle Kommunikation. Der Zukunftsapostel des Stadttheaters Kay Voges, noch bis zum Ende der Spielzeit Intendant in Dortmund, hat es inszeniert und gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt. Man wird das Gefühl nicht los, dass die didaktische Sendung eher zurück in Richtung echte Welt weist. Nicht nur, dass Missbrauch und Unkontrollierbarkeit des Netzes eine wesentliche Rolle spielen, auch die mit ihm verbundenen Utopien törnen ab. Unfreiwillig vielleicht?

Da ist zum Beispiel eine ermüdend lange Kunstfilm-Videosequenz über Free-Cyberspace-Manifeste mit zwar schnell geschnittenen und farbenfrohen, inhaltlich aber spießigen Sex-und-Drogen-Club-Szenen. Es wurde nicht klar, ob derlei bemüht ausgeflippte Selbstverwirklichungskonsumfreuden nicht vielleicht doch als basisdemokratische Erweckungsfantasie gemeint waren. Hoffentlich nicht.

Zurück zur Spucke. Auf den Berichterstatter (Parkett rechts, Reihe 9, Platz 3) sprühte sie aus dem Mund des 60-jährigen Uwe Schmieder nieder, einem einstigen Off-Theater-Heroen Berlins, der 2011 zu Voges nach Dortmund ging und nun in der Volksbühne gastiert. Aus dem (im Vergleich mit den Castorf-Reckinnen und -Recken) eher blassen Interimsensemble sticht er hervor mit seiner nicht abnehmenden Kraft und Ekstaselust – bei durchaus zunehmender Skurrilität. Das ist begrüßenswert, aber auch strapaziös für einen Zuschauer, auf dessen Armlehne der ins Parkett gekletterte Schmieder balanciert, um, ausgestattet mit entsprechendem Brille-Jacke-Kostüm und fanatischem Sendungsbewusstsein, Brechts Radiotheorie zu verbreiten.

Darin geht es um Erfindungen, die sich schon verwirklicht haben, ohne dass die Gesellschaft sie gebraucht hätte, geschweige denn, dass sie über die Kompetenzen verfügte, diese Erfindungen anzuwenden, ohne großen Schaden zu verursachen. Hören wir mal rein: „Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit. … Und so hatte man plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.“ Abgesehen vom Fehlen relevanter Sendeinhalte für diesen neuen mächtigen Distributionskanal namens Rundfunk, prophezeit Brecht – als „natürliche Konsequenz der technischen Entwicklung“ – „ein ungeheures Kanalsystem“, in dem die Hierarchie zwischen Sender und Empfänger abgeschafft ist und jeder beides sein kann. Er glaubte, dass dann der Mensch dem Apparat und der Apparat dem Menschen ein Helfer sein würde. Mit der Erfindung des Internets und der sozialen Medien haben wir diesen Apparat und helfen ihm mit unerschöpflichem Aufopferungswillen – speisen unsere Zeit, unseren Witz, unseren Hass, unsere Daten ein. Aber hilft er auch uns?

Der Abend verneint dies traurig und angeekelt, aber ohne seine zunehmend unbegründete Faszination für dieses Kanalsystem in den Griff zu kriegen. Auf der Bühne steht ein Spiegelwürfel aus Projektionsflächen, dessen Vorderseite sich ähnlich einem Flügelaltar öffnet. Die Bühne wird zum Bildschirm-Triptychon mit einer kleinen Spielkammer im Zentrum für leibhaftige Auftritte, die in leicht verzögerter Echtzeit vergrößert und kaleidoskopartig vervielfältigt auf die Würfelwände geworfen werden können. Oder man sieht in vorproduzierten Schleifen viele Würfel-im-Würfel-Zellen, aus denen auf Teufel-komm-raus gesendet wird. Die Dramaturgie des Abends besteht nun darin, in diese Kakophonie hineinzuzoomen und Musterbeispiele für im Programmheft nachzulesende kommunikationstheoretische Begriffe (Empörungskybernetik, Hetzmasse, Miserabilismus) vorzuführen und abzuhaken. Nebenbei wird so die Revue- und Zappingstruktur des uninspirierten Medienkonsums abgebildet.

Da spielen zwei Schauspieler vor der Selfiekamera den 2016 live gestreamten suizidalen Amoklauf von Denis Muraviev und Ekaterina Wlasova nach. Ein virtueller toter Löwe erzählt von seinen glatten postmortalen Bedürfnissen und seiner sauber kanalisierten und bildbefriedigten Lust auf Gnus. Es gibt einen Zweikampf von Einhorn (regenbogenfarbiges Wappentier der Friedliebenden, Fortschrittlichen und Toleranten) gegen Pepe, den Frosch (Aushängeschild der Alt-Right-Bewegung). Wir werden an die virale Explosion eines bis dahin völlig unbekannten Predigers in irgendeiner gottverlassenen Gegend erinnert, der sich als Koran-Verbrenner inszeniert, was am Ende zwölf Menschen das Leben kostet. Und viel freudlos imitierter Poptrash läuft „billig wie Leitungswasser“ (noch einmal Brecht) aus dem Sendewürfel.

Das Theater – das ja im echten Spiel und im gegenwärtigen Mit- und Gegeneinander eine Alternative zu der entkoppelten Meme- und Geisterkommunikation des virtuellen Raums zu bieten hätte – gibt sich von vornherein geschlagen, es imitiert und illustriert die Mittel des Internets, führt die ihrem wimmelnden Stillstand eingeschriebene Ödheit mit Unerbittlichkeit vor.

Das wird gleich klar gemacht, wenn die Individuen des Teams in Großaufnahme an das verschlossene Portal der Volksbühne projiziert werden und auf sehr vielfältige Weise gähnen. So gähnen, dass sie ihre Schlünde und Zahnzwischenräume preisgeben, dass man den Tränenfilm über den Augen flimmern sieht und von den satten Geräuschen des Schluckens, Stöhnens und Schmatzens umschlossen wird. Solches Gähnen stößt ab und steckt zugleich an. Und es macht den regnerischen Moment in Reihe 9 zu einem noch intensiveren Erlebnis.

Am Ende gibt es eine Stummfilmparodie mit Narziss, der sein Spiegelbild liebt, und der Bergnymphe Echo, die Narziss liebt, aber stumm ist, solange kein anderer etwas spricht, was sie wiederholen kann. Sie reißt den Mund auf, diesmal nicht um zu gähnen, sondern um ihre Liebeserklärung an Narziss zu senden. Der aber ist nicht zu erreichen, weil er in seiner Sender-Empfänger-Rückkopplungsschleife steckt. Das wird schnell langweilig beim Zugucken.

Berliner Volksbühne: 6., 20. Oktober, 1., 22. November, volksbuehne.berlin

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