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„Don Quichotte“ in Darmstadt: Superman der Unmännlichkeit

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Von: Bernhard Uske

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Das Dorfvölkchen, im Großraumbüro aktiv. Und ein Anbetender.
Das Dorfvölkchen, im Großraumbüro aktiv. Und ein Anbetender. © Nils Heck

Massenets „Don Quichotte“ gewitzt am Staatstheater Darmstadt.

Mit dem Werbespot einer bekannten US-amerikanischen Rasierklingenmarke beginnt im Staatstheater Darmstadt die Neu-Inszenierung von Jules Massenets „Don Quichotte“, die ursprünglich bei den Bregenzer Festspielen vor drei Jahren Premiere hatte. Auch damals war der Einspieler mit der geschauspielerten Reaktion eines männlichen Zuschauers verbunden, der sich über den Vorgang im Allgemeinen und über das dabei depotenzierende Männerbild im Besonderen aufregte.

Die Rahmensetzung der Regie von Marianne Clément war damit klar: das Männlichkeits-Toxicum als Aufhänger. Und das gerade bei einer Opernhandlung, in der Don Quixote durch den Massenet-Librettisten Henri Cain als eine Art senioral-parsifalitischer Erlöser, als ein Philanthrop mit jesuanischen Obertönen erschien.

Genau das Richtige für das sanfte, oft sphärische und melodisierende Arioso-Parlando der anspruchsvollen Rolle, die einst Fjodor Schaljapin begeisterte. Eine Art Superman der Unmännlichkeit.

Die männlichen Gegenspieler des Ritters von der traurigen Gestalt sind die Liebhaber der von Don Quichotte ebenfalls geliebten Lebedame Dulcinée. Sowie die Diebe von deren Perlenkette, die dank der entwaffnenden Naivität des eingebildeten Ritters, der bei ihnen im Spiderman-Kostüm auftritt, zuletzt von den Banditen wie ein Heiliger verehrt wird.

Da ist die Szene ein mit Graffiti („we could be heroes“) besprühter Unort mit einschlägigem männlichkeitstoxischem Kollektiv. Die Liebhaber der Kokotte Dulcinée sind gemeinsam mit dem spanischen Dorfvölkchen dann auch als Arbeitsgemeinschaft à la Stromberg-Großraumbüro aktiv. Mit Dulcinée als Bürovorsteherin.

Gelungen das Schlussbild: eine Bühne in der Bühne wie ein Diorama oder lebendes Bild. Hier kann Don Quichotte sterben: versöhnt mit sich und der Welt, die seinen Einbildungen so sehr zugesetzt hatte. Noch einmal in jenem charakteristischen, zart-souveränen Ton das Bild einer erhabenen Selbstverständlichkeit: Trost der Schimären und Phantastereien. Ein Akt arioser alternativer Fakten.

Vorher war der Kampf mit den Windmühlen als Riesen-Einbildung nicht ungewitzt als Kampf in der Stehdusche und auf dem Toilettensitz exekutiert worden. Hier blitzten Momente im edel-tölpeligen Engagiertsein des Herr-Knecht-Gespanns auf, die man ansonsten bei den operativen Entgiftungsbemühungen in Sachen Mannsbilder vermisste. Vielleicht war aber auch die gesamte Inszenierung eine einzige Don- bzw. Donnaquichotterie: ein Kampf gegen die Männlichkeitswahn-Riesen als Kampf gegen Windmühlenflügel.

Eindeutig waren die Eindrücke, die man aus dem Orchestergraben gewann. Daniel Cohen, der Darmstädter Generalmusikdirektor, hatte auch, mit den Wiener Symphonikern, die Begrenzer Premiere im Jahr 2019 geleitet. Mit einer Klangvorstellung, die das französische Moment einer atmosphärischen und getragenen Raffinesse auf glänzende Weise vermittelte.

Das Staatsorchester Darmstadt folgte der sinnenhaften Harmonik Jules Massenets, seiner feinen Textur und erhebenden Leichtigkeit vortrefflich. Auch in den handlungssteigernden Partien, die hier hart und knapp realisiert wurden. Ebenso gelungen waren die chorischen Beiträge.

Das männliche Gespann von Don Quichotte und Sancho war der eindeutige vokale Pluspunkt des Abends: die Stimme Johannes Seokhoon Moons als Ritter war plastisch und volltönend, doch weich genug. Die Stimme David Stouts erfüllte die Forderungen an das Deftigere und Direktere seiner Partie ganz genau. Solgerd Isalv als Dulcinée blieb in den volumenvolleren Partien ihrer Rolle noch eher blass.

Staatstheater Darmstadt: 18., 20., 26. Februar, 4., 19., 25., 27. März.

www.staatstheater-darmstadt.de

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