Einar Schleef

Doch der Kopf blieb schwer

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Der Regisseur Einar Schleef und der Fotograf Michael Schmidt erhoben einst unerbittlich Einspruch. Die Berliner Volksbühne erinnert an ihre Ausstellung „Waffenruhe“.

Es ist 31 Jahre her, dass die Berlinische Galerie im Gropiusbau die Ausstellung „Waffenruhe“ im Programm hatte. Für die Kunst-, Literatur- und Theaterfreunde in Ost und West war der Besuch damals Pflicht, weil in ihr Texte von Einar Schleef verwendet wurden. 1976 hatte er die DDR verlassen, aber erst 1986 in Westdeutschland seine erste Inszenierung realisieren können, die Uraufführung seines Stückes „Mütter“ in Frankfurt.

Im selben Jahr zeigte die Galerie am Savignyplatz eine Ausstellung seiner mit Deckfarben und Filzstiften angefertigten „Tagebuch-Bilder“, in denen er in eigenwilliger Verschränkung von Bild und Text Tagesereignisse festhielt. Schleef war damals berühmt. Die Kenner der zeitgenössischen Fotografie und die Besucher der „Werkstatt für Photographie“ in der Volkshochschule Kreuzberg werden „Waffenruhe“ genauso nicht versäumt haben, denn Michael Schmidt zeigte hier seine Bilder. Jener Michael Schmidt, der die „Werkstatt“ gegründet hatte und anfangs auch leitete, wo Vorträge, Ausstellungen, Diskussionen stattfanden und Fotografen wie Ulrich Görlich oder Wolfgang Eilmes Schmidts Schüler waren. Mit Schleef war er befreundet.

So kam es zu einer Ausstellung, in der die prägnanten Schwarz-Weiß-Fotografien Schmidts auf Auszüge aus einem Schleef-Text stießen, der später zu größeren Teilen in seine Erzählung „Zigaretten“ einging. In diesem Text erzählt Schleef in knappen, spröden Sätzen von einem Mann, der in seiner Küche hockt und darauf wartet, dass er die Kraft findet, etwas zu tun. Hinauszugehen, Zigaretten zu kaufen. „Jetzt. Der Kopf wurde schwer, er schob ihn hin und her, um sein Gewicht leichter zu machen, als nähme das aufschießende Blut die Kilo zurück. Er stützte sich wieder auf die Platte. Der Körper war ganz leicht. Leichter als am Mittag. Gegen eins war es ziemlich anstrengend. Er rutschte etwas nach vorn. Die Quittungen waren eingerissen. Das Kaninchen putzte sich wieder. Er kratzte sich, doch der Kopf blieb schwer.“

Schwer bleiben die Erinnerungen, die Stimmen, die er in seiner Küche in sich hört. Er fantasiert sich in einen Befreiungsmord hinein – und findet in aller Negativität doch gerade im Verzweifeln einen seltsamen Trost. Es ist der Trost einer Literatur, die den realen Verhältnissen die Maske herunterreißt und die Zerbrechlichkeit des Menschen sichtbar macht. „Ich bin ein anderer in mir, den muss ich fragen“, heißt es in Schleefs Tagebüchern. Der Leitsatz seines Werkes, auch in diesem Text.

Und auch für die damalige Ausstellung, die kurz darauf in Buchform erschien. Denn die Bilder Schmidt zeigen Wirklichkeitsausschnitte aus einem Berliner Leben, das in all ihrer Brüchigkeit, Lückenhaftigkeit belassen wird. Hier eine Hand, dort ein verlassener Spielplatz, ein Hinterhof, eine Blüte, eine Frau allein, ein Mann allein. Die Bilder sind weniger Dokumentation einer Vergangenheit, sondern Dokument unerlösten Daseins.

Einar Schleef starb 2001, Michael Schmidt 2014. Jetzt zeigt die Volksbühne ein Reenactment dieser Ausstellung, als „nächtliche Projektion“ auf der Fassade der Volksbühne, kuratiert von Thomas Weski. Es ist der Versuch einer Wieder-Holung in den öffentlichen Raum dessen, was einst die Öffentlichkeit zu irritieren, verstören vermochte. Im Nachwort zum seinerzeitigen „Waffenruhe“-Buch schrieb der Kurator der damaligen Ausstellung Janos Frecot: „Kein Buch über Berlin, aber eine Arbeit, die so nur in Berlin gesehen, erlebt, fotografiert und geschrieben werden kann.“ Und: „Jenseits der zeitgemäß glanzvollen Berlinprospekte ein harter und unerbittlicher Einspruch.“

Das ist die Frage an die jetzige Wiederaufführung der Ausstellung im heute weitaus mehr glanzverliebten Berlin: ob sie Einspruch wider die Wirklichkeitsfassaden zu sein vermag – oder lediglich musealisiert, was einst Kraft hatte, Kunst war.

Volksbühne, Berlin: 31. Januar,
Projektion „Waffenruhe“ nach
Sonnenuntergang bis Mitternacht

auf der Fassade.

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